Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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BESPRECHUNGEN. 535

(S. 1S2). Er durfte hier mit Recht an seiner alten Leistung festhalten: »auf meine
Einteilung der Künste nicht zu bestehen sehe ich keinen Grund« (S. 417). —

Es fragt sich nun, ob man in diesem Programm, das Vischer in seinen (1898
von Robert Vischer erstmalig herausgegebenen, seitdem mehrfach neu aufgelegten)
Alters-Vorlesungen ausgeführt hat, wirklich eine Ästhetik erblicken darf, deren
Wurzeln noch bis zum Deutschen Idealismus hinunterreichen. Ich trage keinen
Augenblick Bedenken, diese Frage zu bejahen. Und ich sehe den schönsten Beweis
dafür in Vischers letzter Abhandlung »Das Symbol« (1887).

Hegel hat seinem System in der Logik den für die Schule traditionell geworde-
nen Anfang gegeben. Aber im Sinne seiner Weltanschauung liegt es, den »ganzen
Kreis«, den die Wahrheit ausmacht, von jedem beliebigen Teile des Systems, also
auch von Anthropologie und Psychologie aus, erfüllen zu können. Fr. Th. Vischer
stellte sich auf ästhetischen Boden und arbeitete sich von da aus in die Tiefe. Das
logische Handwerkszeug des Meisters erwies sich dabei teilweise als zu spitz, teil-
weise als zu stumpf. Hier tat es dem »schönen Gegenstand« Gewalt an, dort glitt
es machtlos über seine bildhafte Unwirklichkeit hin, ohne sie fassen zu können. Da
gab es für den Ästhetiker nur einen Weg. Im intimsten Zusammenhang mit diesem
ästhetischen Gegenstand mußte er sich neue Werkzeuge bauen, Werkzeuge, die dem
Schönen so angemessen sind, wie der Diamant dem Diamanten, den man nur mit
sich selber schleifen kann. Der Wandel von Vischers ästhetischen Gedanken be-
deutet das langsame Aufbauen dieser neuen Werkzeuge.

Die Weltanschauung Hegels bleibt davon ganz unberührt, ja sie wird
als Weltanschauung über die Einseitigkeit des Panlogismus hinaus be-
stätigt. Dialektik und geschichtsphilosophische Konstruktion mußten fallen, aber
»das Postulat der Einheit von Natur und Geist, der Alleinheit« hat sich der achtzig-
jährige Vischer lebendig erhalten. Am Schluß des Symbolaufsatzes, dessen leise
zitternder, bald behaglich-piaudernd sich verbreitender, bald merkwürdig abgekürzter,
doch noch immer klarer Gedankengang an die letzten Probleme des Menschen hin-
streift, wirft er die Frage auf: »Könnte nicht die Ästhetik den Dienst leisten, zu er-
weisen, daß diese Einheit mehr als ein Postulat ist?« Er erinnert an Schelling.
Der »hat das Schöne als Dokument für die Wahrheit der Einheit des Idealen und
Realen bezeichnet.« Aber auch von dem jüngsten Begriff der in rastlosem Fort-
schreiten begriffenen Ästhetik, dem der Einfühlung, gibt es eine Brücke dahin.
»Wenn die Phaniasie in Alles den Menschen hineinschaut: sie hat zunächst nicht
recht, dies ist selbstverständlich. Auch die Form, die wir Einfühlung nennen, ist
im Grunde nur symbolisch. Nicht so, wie es uns da scheint, ist es wahr, daß Geist
und Natur eins ist; gewiß nicht wirklich schaut aus Luft, Wolke, Berg, Fels, Pflanze
ein Mensch uns an. Aber der starke Schein wäre nicht möglich, wenn nicht alle«
Unpersönliche, ja auch Unorganische eine wirkliche Vorstufe des Geistes wäre.
Fichtes Satz: Die Kunst macht den transzendentalen Standpunkt zum gemeinen,
wird durch die Lehre vom Symbol bestätigt. Sein transzendentaler Standpunkt war
der subjektive Idealismus. Man kann sich die Einheit des Universums
anders, als reale Wirklichkeit denken und doch, ja nur um so mehr,
die Kunst, die ästhetische Anschauung, vor allem die innige Form
der Symbolik, als sinnen[fällige Erscheinung und Bezeugung dieser
Einheit betrachten« (S. 455 f.).

Hinter diesen Sätzen leuchtet die Weltanschauung des Deutschen Idealismus
und vor allem von Hegel.

Heidelberg. Hermann Glockner.
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