Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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I.
Zur „ästhetischen Mechanik".

Von

Theodor Lipps.

1. Allgemeines.

Alle räumlichen Formen, seien sie nun lineare oder Flächenformen,
oder Formen des nach drei Dimensionen ausgebreiteten Raumes, oder
kurz »körperliche« Formen, verdanken ihre ästhetische Eindrucksfähigkeit
oder ihren ästhetischen Wert dem in ihnen — nicht an sich, aber für die
ästhetische Betrachtung — liegenden Leben. Leben aber ist Tätigkeit.
Und Möglichkeit der Tätigkeit oder Größe der Anspannung derselben
ist Kraft. Eine räumliche Form ist schön, wenn in ihr Kräfte frei,
d. h. ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit folgend, sich auszuwirken, wenn
die Formen vermöge solcher Kräfte sich ins Dasein zu rufen und
im Dasein sich zu erhalten scheinen. Die schöne Linie ist eine
sich selbst oder ihre Form durch in ihr wirkende Kräfte in jedem
Moment von neuem frei schaffende und erhaltende; sie ist damit jeder-
zeit ein Analogon der wollenden und handelnden und in ihrem Wollen
und Handeln ihr inneres Wesen frei auswirkenden Persönlichkeit. Die
schöne Linie ist schön, weil sie dies ist. Und was hier von der Linie-
gesagt ist, gilt von jeder räumlichen Form überhaupt.

Die Ästhetik der räumlichen Formen fordert aber die Unterscheidung
zweier Klassen von Formen. Dieselben sind: die Naturformen und die
künstlichen Formen. Die letzteren nennt man wohl auch geometrische
Formen. Eine Naturform ist etwa die Form des irgendwo frei ge-
wachsenen Baumstammes. Auch dieser lebt in allen seinen Teilen und
ist uns ästhetisch erfreulich um dieses Lebens willen. Aber dieses
Leben ist Naturleben, d. h. es ist ein Teil des Spieles der Naturkräfte,
in welchem die einzelnen Kräfte in unendlich mannigfacher Weise, ohne
erkennbare Regel und Gesetzmäßigkeit, scheinbar dem Zufall und der
Laune gehorchend, darum jeder Berechnung spottend, ineinander greifen
und sich durchkreuzen, in ihren Wirkungen sich ablenken und modi-
fizieren.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. I. 1
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