Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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BESPRECHUNGEN. \\g

Johannes Volkelt, System der Ästhetik. In zwei Bänden. München 1905.

C. H. Becksche Verlagshandlung. Erster Band. Lexikonformat. XVII u.

592 S.
In dem Volkeltschen Buche ist, wie schon die früheren Arbeiten des Ver-
fassers erwarten ließen, eine der wertvollsten Arbeiten der Fachliteratur zu be-
grüßen. Es hat vor allem den Vorzug, grundlegend im besten Sinne des Wortes
zu sein, in Berücksichtigung der einzelnen Spezialarbeiten, welche die Disziplin in
dem raschen Aufschwünge während der letzten 20 Jahre gezeitig hat, alle für sie
in Betracht kommenden Folgen sorgsam und umfassend behandelt zu haben.

Diese umfassende Art macht vor allem das »Systematische« aus, und nicht
etwa eine einseitige Generaltheorie, wie wir solche bei Konrad Langes zwei-
bändiger Ästhetik antrafen, oder eine allgemein-wissenschaftliche These nach Art der
Rickertschen »Wert«-Lehre, auf der Jonas Cohn seine Ästhetik aufbaute. Wohl
zeigt das Volkeltsche Werk ein volles persönliches Gepräge, und der Verfasser weist
darauf selbst schon im Vorwort hin, allein dies tritt niemals in dem Sinne auf, daß
es den gesamten wissenschaftlichen Stoff einseitig behandelte. »Die Richtung, in
der sich meine Ästhetik bewegt, läßt sich durch mehrere Sowohl — Alsauch
kennzeichnen.« »Meine Ästhetik verfährt in erfahrungsmäßig psychologischer Weise.
Durch Analyse von Bewußtseinstatsachen wird von ihr in allen Fragen der grund-
legende Anfang gemacht.« »Zugleich aber halte ich daran fest, daß das Ästhe-
tische, bei allen Zusammenhängen mit dem sinnlichen Boden unserer Natur, in jedem
Falle doch erst innerhalb der höchsten, vergeistigtesten Betätigungskreise unseres
seelischen Lebens zu stände kommt. An jedem ästhetischen Eindruck ist unser Ich
mit seinem ideal gerichteten Können, mit seiner edelsten Geistigkeit beteiligt. So
sehr das Ästhetische aus seiner Verknüpfung mit Empfindung und Leiblichkeit Farbe
und Duft und Frische zieht, so wird es doch erst dadurch eine sinn- und wertvolle
Gestaltung, daß sich die höchsten und feinsten Betätigungen unseres Geistes mit
seiner sinnlichen Grundlage verbinden.« »Ich bin darauf bedacht, daß das Ästhe-
tische weder intellektualisiert noch moralisiert noch sonst in seiner Eigenart ver-
kürzt werde.«

Das »erfahrungsgemäß-psychologische« Verfahren gibt die methodische Grund-
lage des ganzen Buches ab, es veranlaßt den Verfasser, den Stoff vor allem rein
wissenschaftlich als Tatsachengebiet aufzufassen, im Sinne einer Forschung, und nicht,
wie es früher geschah, von Anfang an durch eine normative Brille zu betrachten.
Damit steht der Verfasser vollkommen auf modernem Boden, wenngleich sich
seine »Forschung« eben nur auf die individual-psychologische Analyse erstreckt
und völkerpsychologische, ethnologische, soziologische und entwickelungsgeschicht-
liche Momente, die heutzutage in der wissenschaftlichen Ästhetik eine nicht zu unter-
schätzende Rolle spielen, sowohl in methodischer Hinsicht wie in Hinsicht auf
Daten, so gut wie ganz beiseite läßt; es kommt ihm nur darauf an, »das ästhetische
Betrachten und Genießen in seiner möglichst vollkommenen Gestalt« (S. 590) zu
erforschen. Und wenn er, gleich J. Cohn, auch mit Anerkennung und Nachdruck
auf die Systeme der älteren deutschen Ästhetik hinweist, so geschieht dies nur, um
deren »bedeutsame« Einsichten im einzelnen sowohl wie hinsichtlich der »tiefblicken-
den, großdenkenden, emporreißenden Weise jener älteren Zeit« zu verwerten und
sie, vor oberflächlicher Geringschätzung bewahrend, wieder in Erinnerung zu bringen.
Diese psychologische Analyse nimmt denn auch als mittelster der drei Abschnitte,
in die sich das Werk teilt, den meisten Raum ein; und ich möchte in diesem Teile
vor allem den Wert des Volkeltschen ersten Bandes sehen, ohne im übrigen den
der beiden anderen Abschnitte, die methodische Grundlegung der Ästhetik
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