Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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150 BESPRECHUNGEN.

in Pieter Ärtsens horizontalem Einplan die holländische Landschaftskunst völlig-
emanzipiert hervortrat. Wie außerordentlich stark der angeborene Sinn für das
Malerische bei den Holländern war, sehen wir auch daraus, daß sie selbst das
lineare Gepräge des deutschen Kupferstiches in ein malerisches umwandelten. Der
Stich Schongauers und auch der Dürers kann nur in geringem Grade die Atmo-
sphäre und die verschiedenen Tonwerte fühlbar machen, und auch die Tiefenwirkung
und Raumwirkung ist eine beschränkte. Die Holländer brachten Licht und Schatten,
Atmosphäre, momentane Bewegung, die Vibration des Lichtes in den Stich und
schufen Tonskalen und Raumtiefen, bei denen man nur den Namen Rembrandt zu
nennen braucht, um ihre Unermeßlichkeit anzudeuten. Zu Beginn des 17. Jahr-
hunderts war das Ringen mit fremden Kunstmächten entschieden und die Blüte der
holländischen Landschaftsmalerei konnte sich ungehemmt entfalten.

Leipzig. Paul Kühn.

Heinrich Wolgast, Das Elend unserer Jugendliteratur. Ein Beitrag zur
künstlerischen Erziehung der Jugend. Dritte Auflage (5. und 6. Tausend).
VII, 225 S. gr. 8°. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 1905.

Um die Erziehung zur literarischen Genußfähigkeit handelt es sich; Jugendlite-
ratur bedeutet: Jugendschriften in dichterischer Form. Seine Stellung gegenüber
der heute noch herrschenden barbarischen Auffassung von der literarischen Er-
ziehung der Jugend spricht der Verfasser sehr energisch in dem Vorwort zur
dritten Auflage aus: »Noch prangen auf tausend und abertausend Weihnachts- und
Geburtstagstischen, selbst in gebildeten Familien, wertlose Jugendschriften, weil
die Eltern keine Ahnung von der Öde und Unkultur ihres Inhalts haben. Noch
finden Autoren, die den Geschmack der Jugend verderben, in Schülerbibliotheken
liebevolle Aufnahme, und Schulbehörden dulden und fördern diese kulturfeindlichen
Maßnahmen. Dieselben Regierungen, die der Bewegung für eine künstlerische Er-
ziehung der Jugend, soweit sie bildende Kunst und Zeichnen betrifft, mit Energie
ihre Unterstützung leihen, stehen hier mißtrauisch zur Seite oder fahren gar fort,
eine Literatur ins Volk zu tragen, die aller Kunst und aller Kultur Hohn spricht.
Die Ursachen dieser Erscheinung liegen zutage; sie sind politischer Art und beruhen
meines Erachtens einerseits auf einer Überschätzung der politischen Wirkungen, die
durch dichterische Mache erzielt werden können, anderseits auf einer Unterschätzung
des stillen Einflusses, den die Lektüre unserer Nationalliteratur auf Gesinnung und
Haltung der Menschen auszuüben im stände ist.«

Die Jugendschrift muß immer und unter allen Umständen als Erziehungsmittel
im Sinne bewußter Einwirkung genommen werden: »Ein Buch hat oft auf eine ganze
Lebenszeit einen Menschen gebildet oder verdorben«, sagt Herder. Damit ist der
unterhaltenden Jugendschrift schon das Urteil gesprochen; »die Unterhaltungs-
schrift macht zum Lesen ernster Literaturwerke unfähig«. Nun kommt hinzu: »Der
größte Teil der spezifischen Jugendliteratur besteht aus Tendenzschriften«; aber die
»belehrende und veredelnde« Tendenz ist »in Rücksicht auf die geringe Urteilsfähig-
keit der Kinder in der Jugendliteratur durchaus zu verwerfen«. Eine allgemeine Ge-
ringschätzung der dichterischen Kunstform spricht sich in dem Mißbrauch aus, der
mit ihr in der Flut von spezifischen Jugendschriften getrieben wird. »Die Dichtkunst
kann und darf nicht das Beförderungsmittel für Wissen und Moral sein. Sie wird
erniedrigt, wenn sie in den Dienst fremder Mächte gestellt wird.« Wenn die künst-
lerische Erziehung der Jugend selbständig in die Reihe der übrigen Erziehungs-
fächer eintreten soll, so gilt es, »die Dichtkunst aus der Aschenbrödelstellung heraus-


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