Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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ÜBER DEN GESCHMACK. 327

sehen, daß es ebenso leicht ist, die Mannigfaltigkeit im Geschmack zu
erklären, obwohl es in der Natur einen Maßstab für die wahre Schön-
heit und infolgedessen für den guten Geschmack geben mag, wie es
leicht ist, die Mannigfaltigkeit und den Widerspruch der Meinungen
zu erklären, obwohl es in der Natur einen Maßstab für die Wahrheit
und infolgedessen für das richtige Urteil geben mag.

6. Ja, wenn wir uns ganz genau ausdrücken, werden wir sogar
finden, daß in jedem Geschmacksvorgang ein Urteil eingeschlossen ist.
Wenn jemand ein Gedicht oder einen Palast für schön erklärt, so be-
hauptet er etwas Positives davon; und jede Behauptung oder Ver-
neinung drückt ein Urteil aus. Denn wir können ein Urteil gar nicht
besser definieren, als indem wir sagen: es ist die Bejahung oder Ver-
neinung eines Dinges in Bezug auf ein anderes. Wo ich vom Urteil
handelte*), hatte ich Gelegenheit zu zeigen, daß in jede Wahrnehmung
unserer äußeren Sinne ein Urteil eingeschlossen ist. Es gibt eine un-
mittelbare Überzeugung von der Existenz der wahrgenommenen Ei-
genschaft, sei sie nun Farbe oder Ton oder Gestalt; und dasselbe gilt
für die Wahrnehmung der Schönheit oder Häßlichkeit. Wenn man
sagt, die Wahrnehmung der Schönheit sei bloß ein Gefühl in dem
wahrnehmenden Geiste ohne irgend einen Glauben an eine besondere
Eigenschaft des Objektes, so folgt aus dieser Ansicht mit Notwendig-
keit, daß, wenn ich sage: Vergils Georgica ist ein schönes Gedicht,
ich nicht etwas von dem Gedicht aussagen will, sondern nur etwas
über mich und meine Gefühle. Warum soll ich eine Sprache brauchen,
die das Gegenteil von dem ausdrückt, was ich wirklich meine? Dem
allgemeinen Empfinden der Menschheit, das in ihrer Sprache zum Aus-
druck kommt, läuft es zuwider, daß die Schönheit nicht wirklich in
dem Objekt sein sollte, sondern bloß ein Gefühl in der Person, die,
wie man sagt, die Schönheit wahrnimmt. Die Philosophen sollten sich
recht davor in Acht nehmen, sich mit dem allgemeinen Menschenver-
stand in Widerspruch zu setzen; denn sie sind damit fast immer auf
dem verkehrten Wege. Unser Urteil über Schönheit ist allerdings
kein trockenes und kaltes Urteil, wie ein solches über eine mathe-
matische oder metaphysische Wahrheit. Nach der Einrichtung unserer
Natur ist es begleitet von einer angenehmen Erregung des Gefühls,
für die wir keinen anderen Namen haben als den des Schönheitssinnes.

Das Geschmacksurteil geht stets dahin, daß Gegenstände, die dem
Geschmack zusagen, in Wirklichkeit hervorragend sind, daß sie eine
gewisse Überlegenheit gegenüber denen besitzen, die nicht gefallen.
In manchen Fällen stellt sich diese überlegene Beschaffenheit der Wahr-

*) Intelledual powers, Essay VI, Of Judgment. Werke S. 413 ff.
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