Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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XVI.

Die Neidfarbe Gelb.

Von
Theodor Volbehr.

Im Jahre 1876 erschien ein Werk von Arnold Ewald, das noch
heute mit großem Respekt genannt wird, so oft man von den Rätseln
des menschlichen Farbensinns spricht. Es führte den Titel: »Die
Farbenbewegung. Kulturhistorische Untersuchungen.« Der Verfasser
trug sich mit weit ausschauenden Absichten. Er wollte das Vor-
handensein eigenartiger Wandlungen des Farbensinns nachweisen und
zugleich den Beweis für die innere Gesetzmäßigkeit dieser Wandlungen
erbringen. Er begann seine Arbeit mit der Veröffentlichung zweier
Abhandlungen zu dem Thema: »Gelb«. Die erste betitelte er: »Die
Neidfarbe«, die zweite: »Gelb als Kultusfarbe«. Weitere Abhandlungen
erschienen nicht.

Aber schon diese beiden Abhandlungen brachten eine Fülle kultur-
historischen Materials, um den Nachweis für eine überraschende Be-
hauptung Arnold Ewalds zu führen, für die Behauptung nämlich, daß
die Kulturmenschheit ihre Beziehungen zur gelben Farbe im Laufe der
Jahrhunderte von Grund auf verändert habe, daß aus einer begeisterten
Hingabe allmählich eine Verachtung des Gelb erwachsen sei.

Die erste Abhandlung schloß mit den Worten: »Will man das Er-
gebnis in eine Art von Formel bringen, so ergibt sich:

ein moralisch Negatives (der Neid) bekommt mit steigender Kultur
seinen Ausdruck durch eine der sogenannten positiven Farben
(Gelb)
oder noch kürzer: Der Wert des Gelb ist am Neid gemessen im
Niedergange.«

Und die zweite Abhandlung schloß mit dem Satze:
»ein moralisch Positives (Kultus) verliert mit steigender Kultur
seinen Ausdruck durch eine der sogenannten positiven Farben
(Gelb)
oder noch kürzer: Der Wert des Gelb ist am Kultus gemessen im
Niedergange.«


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