Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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XVIII.

Apollinische und dionysische Kunst.

Von

Hugo Spitzer.

3. Die ästhetische Lust und der Affekt der Freude.

Wer das Vorkommen der gewöhnlichen Affekte inmitten der kunst-
ästhetischen Emotionen übersieht, der mag, wenn er darauf Verzicht
leistet, für alles Wohlgefallen am Schönen und alles Mißfallen am
Häßlichen denselben Affekt verantwortlich zu machen, wenn er sich
vielmehr begnügt, die ästhetische Lust einerseits und die ästhetische
Unlust anderseits als je eine besondere Gemütsbewegung zu betrach-
ten, in einer solchen Ansicht wohl vor allem durch den Hinblick auf
einen der häufigsten und wichtigsten Affekte, denjenigen der Freude,
bestärkt werden. Die außerordentliche Vielgestaltigkeit der ästhetischen
Lustgefühle verbietet, wie schon früher gesagt wurde, die Aufstellung
eines ästhetischen Gemütszustandes, welcher sich in Bezug auf Ein-
heitlichkeit und innere Gleichartigkeit seiner Manifestationsweisen etwa
dem Zorn, der Furcht, der Hoffnung an die Seite stellen läßt. Nach
der Analogie mit diesen und vielen anderen Affekten scheint die Vor-
stellung ganz unsinnig, daß die genußvolle Lektüre eines Romans oder
die Erschütterung durch ein Drama und die ästhetischen Elementar-
gefühle, wie die Lust an reinen, gesättigten Farben, weichen, vollen
Tönen, regelmäßigen Figuren u. s. w., die nämliche Gemütsbewegung
sind. Daran würde sich nichts ändern, wenn auch die doppelte Mög-
lichkeit offen bliebe, daß erstens der Begriff Affekt mit einem Inhalte
ausgestattet werden muß, vermöge dessen er sich tatsächlich über
alle, selbst die einfachsten, primitivsten ästhetischen Gefühle erstreckt,
und daß fürs zweite, gemäß der seltsamen, im Vorhergehenden zur
Genüge widerlegten Intuitionsansicht, die Gemütsbewegungen, welche
ein Kunstwerk erregt, nicht in ihrer unmittelbaren Existenz zur künst-
lerischen Gesamtwirkung beitragen, sondern wieder eine Lust affek-
tiven Charakters hervorrufen, die nun ihrerseits erst das wahre Partial-
gefühl der ästhetischen Emotion vorstellt. Von jenen Analogien ge-
leitet, würde sich der natürliche Sinn gegen die Annahme, wonach


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