Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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Besprechungen.

Heinrich Wolfflin, Die Kunst Albrecht Dürers. Mit 132 Abbildungen.
8°. VI u. 316 S. München 1905. Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G.
Den Verfasser der »Klassischen Kunst« als Dürerforscher, d. h. im besonderen
als wissenschaftlichen Interpreten Dürerschen Stiles und Kunstgeistes kennen zu
lernen, verheißt von vornherein einen außergewöhnlichen Genuß. Wie weit diese
von Wolfflin in die Kunstwissenschaft eingeführten Stilanalysen wirklich wissen-
schaftlich, den Analysen der exakten Naturwissenschaften gleichzustellen sind, inwie-
weit sie ferner die ganz besondere Eigenart eines Künstlers und des einzelnen
Werkes, die sie von allen anderen unterscheidet, so zu kennzeichnen vermögen,
dass diese Charakteristiken nur auf sie und nichts anderes anwendbar sind, ist aller-
dings eine Frage, die nicht ohne weiteres zu Gunsten der Wölfflinschen Methode
beantwortet werden kann. Wolfflin leistet in der Kennzeichnung von Stileigentüm-
lichkeiten das Menschenmögliche. Diese Gabe hat schon seinem Buche über die
klassische Kunst eine enthusiastische Aufnahme gesichert. In seinem Dürerbuche
zeigt sie sich noch gereifter. Wie Wolfflin den Stilcharakter eines Holzschnittes
und Stiches in den einzelnen Stadien der Dürerschen Entwicklung deutlich macht,
führt doch wohl über alles hinaus, was bisher über Dürer geschrieben oder gedacht
worden ist. Wenn es trotz dieser wirklich glänzenden Eigenschaften oft recht schwer
wird, den künstlerischen Totalgehalt des Blattes, das Schöpferische daran, das In-
kommensurable des Kunstwerkes in einer vollen Anschauung nachzuempfinden, neu-
zuschaffen und es damit zu einem seelischen Erlebnis und zu seinem unverlier-
baren geistigen Eigentum zu machen, so muß man diesen Mangel in der Methode
suchen. Diese vermag in der Tat nur die Elemente der Kunst, die Art der Aus-
führung, Ausnutzung und Gliederung des Raumes, Anordnung und Führung der
Hauptlinien analytisch klar zu machen. Wolfflin dringt mit diesen feinen und aus-
gezeichnet funktionierenden Werkzeugen seiner Methode tief ein in den Bau eines
Kunstwerkes, seltener aber in den psychischen Kern. Die technische Weisheit des
bildenden Künstlers, die Reflexionen seines Kunstverstandes werden uns deutlich ge-
macht; oft aber vermissen wir darüber hinaus das geistige Band. Dieser Mangel
der Methode wird noch deutlicher an den durch Wolfflin inspirierten kunstästhetischen
Untersuchungen. Wolfflin weiß sich in ein Kunstwerk so einzufühlen und es bis in
so feine Züge zu kennzeichnen, immer das, worauf der Künstler den Akzent gelegt
hat, zu erkennen, er besitzt eine solche Sensibilität für Stilnuancen, für technische
Eigenschaften und Feinheiten, für Liniencharakter, Licht- und Tonwerte und er weiß
für die Nuancen einen so reichen Wortausdruck zu finden, daß auch sein Dürerbuch
wieder eine Eroberung neuer Kunsterkenntnis ist.

Freilich jede Stilanalyse, das Aufspüren und die Rekapitulation aller Kunstmittel
kann nur, bis in alle Zukunft, Annäherungswerte geben. Max Dessoir hat in
seiner kürzlich erschienenen Ästhetik und allgemeinen Kunstwissenschaft S. 423 ff.
dieses Problem behandelt und auch einige Beispiele aus Wölfflins ,KIassischer Kunst'
zum Beweise seiner Ansicht angeführt. Solange wir den Charakter einer Linie
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