Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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Ober versmelodie. 279

schätzen der menschlichen Stimme, die sie sich, in ihrem innigsten
Vereine mit der Sprache, im Gesang zunutze macht. Denn es ist eine
ganz besonders merkwürdige Fähigkeit der menschlichen Stimme,
allen Klangfarbenreichtum, der einem stimmbegabten Menschen beim
Sprechen als Ausdrucksmittel zu Gebote steht, in vollkommenster
Weise auch beim Singen zur Geltung zu bringen.

Diese Erwägungen zeigen, welch überraschend komplizierte Er-
scheinung das Phänomen des menschlichen Stimmklanges darstellt.
Wir haben uns freilich an diese Erscheinung, die uns unausgesetzt
durchs Leben begleitet, in fortgesetzter Übung derart gewöhnt, daß
wir bei einfacher und naiver Wahrnehmung unseres eigenen Stimm-
klangs oder jenes unserer Mitmenschen nicht im entferntesten ahnen,
wie zahlreich die überaus feinen Faktoren sind, deren organischem
Ineinandergreifen die einheitliche Gesamtwirkung der menschlichen
Stimme ihr Entstehen verdankt. Es ist ein sinnverwirrendes Miniatur-
labyrinth, diese kleine menschliche Klangfarbenfabrik, die gleich der
»Gedankenfabrik« einem Webermeisterstück verglichen werden kann.

Wo ein Tritt tausend Fäden regt,

Die Schifflein herüber hinüber schießen,

Die Fäden ungesehen fließen,

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.

Reißt nur einer dieser Fäden, so lösen sich alle die tausend Ver-
bindungen, und das ganze zarte Gewebe ist in Gefahr, zu zerreißen.
Wer kann da sagen, daß gerade diesem oder jenem der feinen Fäden
die Hauptwirkung, anderen die Nebenwirkung zukäme? Daß aber
insbesondere die emotionellen Klangfarbenvarianten, die der Resonanz
der oberhalb der Kehle befindlichen Hohlräume entstammen, keinen
anderen, also auch nicht den habituellen Klangfarbenmodifikationen,
die aus der Resonanz der Hohlräume unterhalb der Kehle hervor-
gehen, wie Rutz behauptet, untergeordnet sind oder als ihre Neben-
wirkung bezeichnet werden könnten, glaube ich im Vorstehenden wohl
erwiesen zu haben.
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