Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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Bemerkungen.

Kunstwerk und ästhetisches Gefühl.

Von

Franz Stadler.

Im letzten Jahrgang dieser Zeitschrift hat Max Deri eingehende psychologische
Untersuchungen über die Wirkungsweise von Kunstwerken veröffentlicht'). Sein mit
scharfer Logik aufgeführter Gedankenbau stützt sich auf nur einige Prämissen, auf
Prämissen jedoch, die mir nichts weniger als einwandfrei scheinen. Da die ange-
schnittenen Fragen an das Wesen und die Grundbedingungen jedes Kunstschaffens
und Aufnehmens überhaupt rühren, scheint mir ein nochmaliges Eingehen auf sie
an dieser Stelle wünschenswert.

Deris leitende These lautet: Gefühle, die Kunstwerke in uns auslösen, unter-
scheiden sich generell nicht von jenen, die uns die Natur vermittelt. Man könne
(theoretisch) jeden natürlichen Gefühlsanlaß künstlich herstellen, und das so ent-
standene ideelle naturalistische Kunstwerk — die tatsächliche Naturkopie — müsse
dieselben Gefühle, wie die Natur selbst, auslösen. Denn ein Kunstwerk sei nichts
anderes als eine willkürliche Zusammenstellung künstlicher Gefühlsanlässe. Die
Kopie eines eindruckstarken Naturobjekts sei daher ein eindruckstarkes Kunstwerk.

Es ist wohl zweifellos: Deris ideelles Naturabbild wird dieselben Gefühle, wie
seine Vorlage hervorrufen. Ist aber dieser künstliche Gefühlsanlaß ein naturali-
stisches Kunstwerk? Ein synthetischer Edelstein, ein künstliches Blütenblatt, eine
Schreckenskammer oder atemraubende Zirkusvorführungen — lauter willkürlich zu-
sammengestellte künstliche Gefühlsanlässe — haben die irgend etwas mit künstle-
rischen Erzeugnissen zu schaffen? Es ist klar, Deri faßt mit seiner Definition des
Kunstwerkes den Terminus nicht nur zu weit, sondern er verkennt den ihm zugrunde
liegenden Begriff vollständig.

Denn das »naturalistische« Kunstwerk beginnt doch wohl erst dort, wo der
Künstler den durch einen sinnlichen Eindruck in ihm erregten bestimmten und in
seiner Art einzigen Gefühlskomplex auch im Aufnehmenden seines Werkes hervor-
zurufen imstande ist. Das naturalistische Kunstwerk will also ebensowenig wie
irgend ein anderes den Gefühlsani aß des Künstlers einfach wiederholen, um auf
diesem Wege eine seinen Gefühlen ähnliche Erregung zu verursachen. Er will viel-
mehr ein Werk schaffen, welches jenen Gefühlsinbegriff in seiner Eigenart und
Intensität hervorruft, der aus der einzigartigen Vermählung des Gefühlsanlasses mit
dem »Temperament« des Künstlers hervorgeht. Während sich also der Klassiker
unter den bildenden Künstlern für die Tektonik, das Funktionelle, den rhythmisch-
gelenkigen Bau, die Räumlichkeit seines Objektes interessiert, vertieft sich der so-
genannte Naturalist in die Erscheinung der Oberfläche und in das Verhältnis der
Einzelteile. Sei es, daß er sich mehr in die Eigenart der Stofflichkeit seines Vor-

') Als Separatabdruck: Versuch einer psychologischen Kunstlehre, Stuttgart 1912.
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