Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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BEMERKUNGEN. 281

wurfs oder in dessen farbige Erscheinung versenkt, sei es daß ihn die Kleinformen
oder der organische Zusammenhang der Einzelteile mehr interessieren — es handelt
sich auch ihm niemals um das wirkliche Naturabbild. Wäre es die wahre Absicht
des Naturalisten, eine unverfälschte Naturkopie herzustellen, so müßten doch die
hervorragenden Werke dieser Art gerade im wesentlichen sich gleichen. In Wahr-
heit verhält es sich umgekehrt, das, worin sie sich gleichen, ist das Belanglose.
Ferner wird man die Photographie eines naturalistischen Kunstwerkes ebenso-
wenig wie die eines klassischen mit einer Photographie nach dem Leben ver-
wechseln.

Nichts wäre verfehlter, als hiergegen die Aussagen der naturalistischen Künstler
selbst anzuführen, die — so oft man es nur hören will — versichern, sie täten
nichts als das wiedergeben, was die Natur ihnen biete. Denn die Aussage läßt
sich ebenso bei klassischen Künstlern belegen. Es sei hier nur an die Anekdote
von Zeuxis und Parrhasius oder an antike Bildbeschreibungen erinnert. Cezanne,
der Begründer der naturfreiesten Richtung in der abendländischen Kunst, versichert,
er habe nichts gemalt, was er in der Natur nicht gesehen hätte '). Diese Aussagen
sind natürlich so zu verstehen, der Künstler, der »Naturalist«, wie der »Kiassizist«, '
kopiert das aus der Natur heraus, was ihm als deren Wesensinhalt erscheint.
Er gibt somit zwar die Natur wieder, doch nicht objektiv, sondern wie er sie
erfaßt.

Der Gefühlswert eines naturalistischen Kunstwerkes ist somit nur mittelbar von
dem objektiven Gefühlswert des Vorwurfes bedingt. Es ist dabei gleichgültig, ob
eine uns mehr oder minder interessierende Sache wiedergegeben ist (Deri: ein
Mops oder ein lachendes Kindergesicht). Wäre Deris Meinung richtig, daß das
naturalistische Kunstwerk den Natureindruck in abgeschwächterem Maße hervorrufe,
so müßte man vor Werken wie der gerupften Pute Goyas und ähnlichen zur Er-
höhung des Genusses den Wunsch empfinden, das Original der dargestellten Ob-
jekte zu.sehen. Ein naturalistisches Werk vermittelt erst dann nichts anderes als
den abgeschwächten Natureindruck, wenn das in ihm ausgedrückte Gefühl seiner
Art und seiner Stärke nach nichts Neues dem Naturerlebensgefühle des Beschauers
hinzufügt. Ebenso, wie es naturferne, »idealistische« Werke gibt, die lediglich banale,
alltägliche Gefühle ausdrücken — oft in vollkommener Weise. Aus der Musik bieten
manche Operettenmelodien und Gassenhauer Parallelen. Wir sprechen von jener
Gruppe von Werken, die im Atelierdeutsch Kitsch heißen.

Das hier über das naturalistische Kunstwerk Ausgeführte gilt auch für die
Werke der Volkskunst und der Kunst primitiver Völker. Es handelt sich auch da
nicht, wie Deri meint, »um die Wiedergabe jener Sachinhalte der Welt, die dem
primitiven Menschen irgendeinen stark gefühlsbegleiteten Eindruck gemacht haben«,
sondern um das unmittelbare Hervorrufen jener Gefühle selbst durch Gefühls-
symbole: ideoplastische Kunst2). In diesem Zusammenhange sei besonders an die
Schreckhaftigkeit der primitiven Götzen und Masken erinnert. In den ungemein
wirksamen afrikanischen und polynesischen Bildwerken vollends ist von »naturalisti-
scher Tendenz« keine Rede, ihre Naturferne ist größer, als die irgendwelcher abend-
ländischer Kunstwerke vor dem 20. Jahrhundert.

Die Übersetzung wertvoller Gefühle, nicht Kopie des Gefühlsanlasses ist
also das sine qua non eines Kunstwerkes. Je bedeutender der Künstler als Mensch,

') Vgl. Kunst und Künstler, Jahrgang 10, Heft 10.

2) Vgl. Max Verworn, Zur Psych, der primitiven Kunst, Naturw. Wochenschrift.
N. F. VI (1907), S. 721 ff.
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