Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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IX.

Über das Beschreiben von Bildern.

Von

Max Dessoir.

1.

Seit langer Zeit und immer wieder beschäftigen mich die Probleme,
zu denen die im folgenden erörterte Frage gehört. Bereits in einem
1899 erschienenen »Beitrag zur Ästhetik« (Arch. f. system. Philos. Bd.V)
prüfte ich den Zeitverlauf des ästhetischen Vorgangs auf Grund eigener
und fremder Beobachtungen. Aus den (nur in ihren Hauptstücken
abgedruckten) Berichten ergab sich, daß die volle Verdeutlichung des
ästhetischen Gegenstandes das den zeitlichen Ablauf bestimmende Ziel
ist. Individuelle Assoziationen, zumal wenn sie lust- oder unlustbetont
sind, führen vom Wege ab, denn sie bewirken eine Zerbröckelung des
Eindrucks. Die objektive Erfassung wird aber auch (so lehrten die
Versuchsergebnisse) durch das häufig auftretende Schwanken zwischen
einem aktiven und einem passiven Seelenzustand erschwert. Da es
in jenem Zusammenhang auf die subjektiven Vorgänge ankam, so
wurde gerade das Auf und Ab von innerer Kraftentfaltung und träume-
rischem Versinken eingehender betrachtet.

Eine spätere Abhandlung über »Anschauung und Beschreibung«
(1904, Arch. f. System. Philos. Bd. X) untersuchte lediglich die Ent-
faltung des Objekts bei allmählicher Auffassung. Dies geschah, indem
ich — mit Unterstützung der Seminarmitglieder — die Schilderungen
der Kunsthistoriker auf ihren anschaulichen Wert hin prüfte. Ich fand,
daß die auf Grund einer ausführlichen Beschreibung hergestellten
Skizzen eines sonst nicht bekannten Kunstwerkes Mängel zeigen, die
von der kaum vermeidlichen Ungenauigkeit der Schilderung herrühren.
Vergleicht man ferner verschiedene Beschreibungen desselben Werks,
so stößt man auf die ärgsten Abweichungen voneinander; fragt man
sich, wie weit die Beschreibung verschiedener Werke durch denselben
Kunsthistoriker zur unterscheidenden Kennzeichnung ausreicht, so
kommt man gleichfalls zu einem höchst unbefriedigenden Ergebnis.

Das Buch »Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft« (1906)
übernahm manches aus den früheren Arbeiten, auch die abschließende
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