Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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ÜBER DAS BESCHREIBEN VON BILDERN. 44]

Formel: die Beschreibung habe, im Verhältnis zur Anschauung, Er-
gänzungswert, aber kaum jemals Ersatzwert. Im einzelnen wies ich
darauf hin, daß Art und Ordnung der Schilderung von der Eigenart
des Gegenstandes abhängen. Bei aller Gedankenmalerei, außerdem bei
gemalten Anekdoten und Historien ist einfache Nacherzählung sach-
gemäß; bei Bildern wie den Eyckschen, die das Nächste und das
Fernste mit der gleichen Schärfe erfassen, braucht die kunstgeschicht-
liche Deskription nur nachzubuchstabieren. »Denn ähnlich so wie
der Beschauer die Ansammlung der genau durchgebildeten Einzelheiten
nacheinander in sich aufnimmt, vermag die treulich folgende Feder
den Inhalt und den an ihn gebundenen Eindruck objektiv zu be-
schreiben« (S. 431). Heute würde ich nicht mehr so unbedingt
sprechen, nachdem ich das Betrachten und Beschreiben anders emp-
fundener Bilder näher kennen gelernt habe. Eben hiermit beschäftigen
sich die Erwägungen und Versuche, die ich jetzt veröffentliche. Sie
bilden aber nicht nur die Fortsetzung der älteren Arbeiten, sondern
zugleich den Anfang des Unternehmens, alle Formen kunstwissen-
schaftlicher Beschreibung zu behandeln, auch die der poetischen und
musikalischen Werke. Wenn daher einerseits früher Gesagtes nicht
wiederholt zu werden braucht, so muß anderseits doch ziemlich weit
ausgegriffen werden, um Späteres vorzubereiten — auf die Gefahr
hin, daß längere Zeit vergehen mag, bis alle Teile der Untersuchung
abgeschlossen sind. —

Ich beginne mit der allgemeinen Feststellung, daß die einfachste
Unterart kunstwissenschaftlicher Beschreibung in der Inhaltsangabe
von Dramen oder Romanen vorliegt. Das literarische Kunstwerk lebt
ja bereits in der Sprache, die auch unser Ausdrucksmittel ist, und
bietet, abgesehen von der künstlerischen Gestaltung, einen greifbaren
Inhalt dar. So scheint denn diese Aufgabe ohne erhebliche Schwierig-
keiten. Allein es ist klar, daß schon hierbei das sogenannte Wesent-
liche unter weitgehender Ausschaltung des Unwesentlichen ausgewählt
und in neuer Form zu einer in sich verständlichen Erzählung zusam-
mengefügt werden muß. Um wieviel verwickelter aber ist die Aufgabe
einer Bilderbeschreibung! Aus dem Sichtbaren soll ins Sprachliche
übertragen und gar vieles soll mit Worten bezeichnet werden, was
nicht zu einem »Inhalt« gehört. Dazu kommt der bis zum Überdruß
erörterte Unterschied des Räumlichen vom Zeitlichen. Er läßt, so möchte
man glauben, die Wage zu Ungunsten der Bilderbeschreibung sinken.
Mit der Zeitfolge poetischer Vorgänge nämlich ist für die wissenschaft-
liche Darstellung ohne weiteres gegeben, wie sie die einzelnen Teile
aneinander zu reihen hat, während sie gegenüber einem Bildwerk be-
liebig anfangen und fortschreiten kann. Jene Bindung verleiht der
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