Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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Besprechungen.

Richard Müller-Freienfels, »Psychologie der Kunst«. 2 Bde., 231 und
213 S. Verlag Teubner, Leipzig und Berlin 1912.

Was diesem Werke unmittelbar nach seinem Erscheinen Beachtung und An-
erkennung erworben hat, ist zum Teil der Umstand, daß es zu den sehr seltenen
wissenschaftlichen deutschen Büchern gehört, die auch einen ästhetischen Wert
besitzen und aus denen eine klar erkennbare Persönlichkeit spricht: Ein Vertreter
der »fröhlichen Wissenschaft«, der weder unter der erdrückenden Fülle des Materials
ächzt, noch, sich ängstlich verklausulierend, den Zweifeln und Unklarheiten aus-
biegt, sondern frohgemut von Gipfel zu Gipfel schreitet und höchst ungeniert seine
Meinung sagt, und der sich das leisten kann, ohne den Eindruck der Oberflächlich-
keit zu machen, da er über eine gute Beherrschung des gesamten psychologischen
und ästhetischen Stoffes und überdies über eine ungewöhnliche Gabe der Synthese
verfügt.

Solche synthetischen Talente sind seit langem eine Notwendigkeit; für die
Psychologie, weil sie an der chaotischen Masse unzusammenhängenden Erfahrungs-
rohstoffes leidet, der nicht dadurch fruchtbar gemacht werden kann, daß man ihn
nach Art von Sammelreferaten zusammenstellt, sondern erst dadurch, daß man ihn
zur Bearbeitung allgemeiner und lebensnaher Probleme verwendet; aber auch für
die Ästhetik, weil sie an einer Fülle einseitiger Parteistandpunkte krankt, die alle
halb recht und halb unrecht haben und erst, wenn man sie zu gegenseitiger Er-
gänzung nötigt, ein zutreffendes Gesamtbild ergeben.

Die Möglichkeit, sich derartig über die Parteien zu stellen, gewinnt der Ver-
fasser, indem er nicht normative Ästhetik treibt, sondern differentiell psychologische,
d. h. indem er nachzuweisen versucht, wie verschieden die ästhetisch schaffenden
und genießenden Menschen geartet sind und wie deshalb, obgleich ein jeder
seinen Geschmack für den allgemeingültigen hält, doch eines sich nicht für alle
schickt. Zwar erklärt Müller-Freienfels diplomatisch, daß die Ästhetik nicht bloß
ein Zweig der Psychologie sei, sondern daß es daneben noch eine normative
Ästhetik gebe. Sehen wir aber genauer zu, so wird der psychologischen Ästhetik
nicht nur das Recht vindiziert, zu erkennen, was da ist, sondern auch, was sein
soll; denn die Wirkungen, Schätzungen, Bewertungen, die das Kunstwerk im Ge-
nießenden auslöst, sind ja auch psychische Vorgänge; wenn man aber diese fest-
stellt und ihre Gesetze abstrahiert, so klingen letztere wie ästhetische Forderungen
und haben die gleiche Bedeutung. Was aber bleibt für die normative Ästhetik
übrig, wenn schon die psychologische Gesetze gibt? Nun, »nur die systematische
Durchführung solcher Einsichten zu Normen und Forderungen würde das Gebiet
der Erfahrung durchbrechen, und hier würde dann das Feld der normativen
Ästhetik beginnen«; mit anderen Worten, es bleibt ihr das Recht, das, was die
psychologische Ästhetik an Normen gefunden hat, übersichtlich zusammenzustellen.
Und treffen wir weiterhin auf die Überzeugung, daß kaum eine einzige der Vor-
schriften, die die Ästhetiker dem Künstler an die Hand gegeben haben, in der
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