Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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Bemerkungen.

Vereinigung für ästhetische Forschung (1912).

In der ersten Jahressitzung am 23. Januar sprach Herr Prof. Th. Ziehen über
^Experimentelle Methoden der Ästhetik auf dem Gebiet der Tonemp-
findungen«. Von den verschiedenen Methoden, mit denen die Ästhetik arbeiten
kann (der spekulativen, der historischen oder analytischen, der experimentellen oder
synthetischen und der Methode der Wirkungen), hat jede ihre Vorzüge und ihre
Nachteile. Bei der experimentellen Methode bestehen die ersteren in der Anwend-
barkeit exakter (mathematischer und physikalischer) Begriffe, die letzteren darin,
daß sie sich im wesentlichen auf die Untersuchung der einfachsten Tatsachen be-
schränkt, vom eigentlichen Kunstwerk aber sehr weit entfernt bleibt. Eine Ver-
mengung verschiedener Methoden ist unersprießlich, wünschenswert hingegen, daß
sie sich in der Auffindung identischer Gesetze begegnen. Bei der experimentellen
ist zunächst nach Fechners Vorgang die unmittelbar (direkt) auf sensoriellem Wege
erweckte Lust- oder Unlustempfindung von der durch Assoziationen (indirekt) her-
vorgerufenen zu trennen. Nach Ausscheidung des assoziativen Faktors gestaltet
sich die Untersuchung auf akustischem Gebiet ziemlich einfach. Bei allen einzeln
angeschlagenen reinen Tönen ergibt sich eine einfache Lustbetonung. Was von
Fechner und anderen in dieser Hinsicht an Kindern, Unmusikalischen und unzivili-
sierten Völkern festgestellt wurde, bestätigte sich dem Vortragenden durch Versuche
mit Schwachsinnigen, bei denen die assoziative Komponente vollends ausfällt. Aus
der Berücksichtigung des Qualitätsunterschiedes (der Tonhöhe) ergibt sich dabei
eine charakteristische Kurve mit starken positiven Gefühlstönen in einem großen
mittleren Bereich, welche nach beiden Seiten stark abfallen. Nimmt man die Inten-
sität hinzu, so wachsen (nach der Wundtschen Kurve) zuerst die Lustgefühle, um
schließlich umzuschlagen. Bei Ausdehnung der Zeitdauer fallen selbst die ersteren ab.
Sie überwiegen dagegen bei Wiederholung desselben Tones schon bei Kindern von
5—6 Jahren. Die Einführung verschiedener Intensität und regelmäßiger Intervalle
(Rhythmus) steigert den ästhetischen Genuß noch erheblich. Die Gefühlsreaktion
auf verschiedene Rhythmen ist sehr stark abgestuft (bei unzivilisierten Völkern z. B.
der 7/4-Takt manchmal von starken positiven Gefühlstönen begleitet). Endlich er-
höht sich das Lustgefühl noch durch den Wechsel der Rhythmen. Die experimen-
telle Ästhetik bestätigt hier von den einfachsten Tatsachen ausgehend die Wirkungen
des musikalischen Kunstwerks. — Des weiteren entstehen Lust- oder Unlustgefühle
durch Hinzutreten eines zweiten und dritten Tones zum ersten, sowohl beim simul-
tanen Zusammenklingen (Harmonie) wie in der Aufeinanderfolge (Melodie). Ob-
gleich die experimentelle Psychologie das Wesen der Konsonanz und Dissonanz
nicht erschöpfen kann, ist öfters die ganze Musiktheorie auf einzelne von ihr darüber
aufgestellte Gesetze begründet worden. Die Helmholtzsche Theorie der Schwe-
bungen, durch die die Tonqualität auf Intensität zurückgeführt wird, reicht dazu
freilich nicht aus, da einerseits die positiven Gefühlstöne dadurch nicht erklärt
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