Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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606 BEMERKUNGEN.

sind, daß in beiden Gebieten die Auffassung und damit auch das Gefühl schon
durch die objektiven Gegebenheiten in bestimmte Bahnen gelenkt wird, nur daß
diese Wirkung beim Kunstwerk eine straffere, einheitlicher bestimmte ist. — Hierauf
legte der Schatzmeister den Rechenschaftsbericht vor und erhielt Entlastung. Der
Vorstand wurde wiedergewählt mit Ausnahme des Herrn Prof. Ziehen, der wegen
Verlegung seines Wohnsitzes "nach auswärts zurückgetreten war. An seiner Stelle
wurde Herr Dr. G. v. Allesch (Berlin W, Rankestr. 32) gewählt, in dessen Hände die
Schriftführung übergeht.

Die optischen Qualitäten in den Jugendwerken Tiecks.

Von

J-. F. H a u ß m a n n.

Jedes dichterische Kunstwerk offenbart die Individualität seines Schöpfers. Es
ist die Darstellung eines seelischen Herganges, der sich vollzogen hat. Eine Ab-
handlung nun, die zur Erforschung einer hervorragenden Dichterpersönlichkeit be-
stimmt ist, muß vor allem ihre geistige Arbeitsstätte kennen lernen sowie
die Mittel und Werkzeuge, die sie bei ihrer literarischen Produktion gebraucht hat.
Es ist nun leider unbestreitbare Tatsache, daß bei wissenschaftlichen Untersu-
chungen die Sinnesvbrstellungen bisher immer sehr vernachlässigt worden sind, ob-
wohl sie für das dichterische Schaffen sehr wichtig sind. Vorliegender Aufsatz, der
sich mit dem künstlerischen Schaffen des jungen Tieck beschäftigt, versucht auf
Grund statistischer Methoden einen Einblick in den Gebrauch der Farben als eines
ästhetischen Schilderungsmittels, als Träger der Stimmung, in seinen Werken
zu gewähren.

Bei Tieck spielt die Farbe eine sehr große Rolle. Er faßt sie mit einem
für seine Zeit außergewöhnlich intensiven Empfinden auf. Sein Farbensinn vereint
im allgemeinen feine Reaktionsfähigkeit mit malerischem Blick. In der Verbindung
dieser Eigenschaften steht Tieck weit über dem durchschnittlichen Niveau der Literatur,
in die er als Typus einer neuen Generation mit einer neuen Art zu sehen und zu
fühlen eintritt. Seine koloristische Eigenart hat kräftig auf Form und Bildung des
romantischen Farbenempfindens eingewirkt. Seine Mission war es, dem malerischen
Empfinden der neuen Kunstschule Sprache zu geben. Seine Auffassungen über die
Farbe als das erste und beherrschende Prinzip in der Malerei hat Tieck in dem
Kapitel »Über Farben« in den von seinem Freunde Wackenroder verfaßten, aber
durch einige Originalarbeiten vervollständigten »Phantasien über die Kunst für
Freunde der Kunst« in theoretisches Gewand gekleidet. Ein näheres Eingehen auf
seine Theorie gehört nicht in den Rahmen dieser Arbeit.

Das in dieser Abhandlung zusammengestellte Farbenmaterial beschränkt sich
auf die Jugendwerke des Dichters, denn gerade hier hat sich der romantische Cha-
rakter des Farbenempfindens Tiecks fertig ausgebildet. Eine spätere Arbeit wird
die Farbenverwendung in der mittleren und Altersperiode des Dichters behandeln.
Der Stoff wurde den drei Hauptgebieten der Tieckschen Dichtung entnommen, der
Lyrik, dem Epos und dem Drama. Eine Jugendlyrik im eigentlichen Sinne haben
wir von Tieck nicht. Seine Gedichte sind Stimmungsmalerei innerhalb eines größeren
Werkes, lyrische Einlagen, angeregt durch den Stand der Erzählung oder Ausdruck
des Seelenzustandes einer Person und dann Mittel zu ihrer Charakterisierung.
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