Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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288 BEMERKUNGEN.

und jederzeit verstanden wird. Ausschließlich diesen bewerten wir, wenn wir
Michelangelo über Ghirlandaio, Beethoven über Richard Strauß stellen, und nicht
irgendeine Naturnähe oder Naturferne, wie Deri meint. Wenn wir von einem
Werke abfällig aussagen, es sei uns zu roh oder zu zierlich, zu primitiv, dekadent
oder gar zu erotisch, so bezeichnet das wohl unsere Geschmacksrichtung, sagt aber
nichts über den künstlerischen Gehalt, also nichts über die Qualität des Kunstwerkes
aus. Eine Geschichte der Majoritätsurteile, die Deri wünscht, wäre kulturhistorisch
gewiß interessant — doch handelt es sich in der heutigen Kunstgeschichte nicht um
eine »Vergewaltigung einer großen Majorität durch eine ganz kleine, kulturell viel-
leicht höher stehende Minorität«, sondern darum, daß diejenigen, die die in den
alten Kunstwerken objektiv enthaltenen Gefühlssymbole lesen können, deren Ver-
ständnis der Majorität vermitteln. Wenn Gerard Dou seinerzeit beliebter als
Rembrandt war, so lag das wieder nur daran, daß die Majorität, für Gefühlssymbole
nur wenig empfindlich, durch das »Literarische« des Dou leichter angeregt wurde.
Durch das Literarische im oben definierten Sinne. Ebenso begreiflich ist es, daß
den Kunstverständigen die Symbole und die ihnen zugrunde liegenden Gefühle
verschiedener Zeiten und verschiedener Künstler nicht gleich verständlich sein kön-
nen. Aber was an Greco in unseren Tagen geschätzt wird, lag natürlich vor einem
Menschenalter ebenso in seinen Werken, wie heute, wenn es auch in ihnen nicht
erkannt wurde. Die Uneinigkeit im Werturteil über Künstler und Kunstwerke wird
vor allem durch die Schwierigkeit verursacht, Gefühlssymbole aufzulösen, allerdings
auch — doch unberechtigterweise — durch die Verschiedenheit der Anlagen und
Erfahrungen des Aufnehmenden, die seinen persönlichen Geschmack bestimmen.
Und nur von diesem Standpunkte des Geschmackes wird man mit Deri sagen
können, daß jedes auf Gefühlsbereicherung beruhende ästhetische Urteil, also auch
des für Kunst minder Begabten, individuell berechtigt sei. Das Urteil über ein
Kunstwerk ist aber nicht Sache des Geschmackes, sondern des Verständnisses,
denn der künstlerische Wert ist im Kunstwerk in Symbolen objektiv vorhanden.

Kongreß für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.

Der Kongreß wird vom 7.-9. Oktober 1913 im Aulagebäude der Kgl. Universität
zu Berlin tagen. Bereits am 6. Oktober, am Vorabend des Kongresses, soll eine
Begrüßung der Teilnehmer stattfinden, für den Vormittag des 10. Oktober sind Be-
suche von Künstlerwerkstätten und Privatsammlungen, für den Nachmittag ist eine
geschäftliche Sitzung und für den Abend ein Abschiedsessen in Aussicht genommen.
Über künstlerische Darbietungen an den Abenden der drei Haupttage schweben
Verhandlungen.

Das Programm umfaßt bisher folgende Vorträge:
V. Basch (Paris): Die Objektivität des Schönen.
E. Bullough (Cambridge, England): Genetische Ästhetik.

J. Cohn (Freiburg i. Br.): Die Autonomie der Kunst und die Lage der gegen-
wärtigen Kultur.
M. Geiger (München): Das Problem der ästhetischen Scheingefühle.
R. Hamann (Posen): Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.
W.Jerusalem (Wien): Zur Psychologie und Ästhetik des Typischen.
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