Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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354 JULIUS TENNER.

Achsel an, blinzelt listig mit den Augen und sagt langsam im bissig-
spöttischen Frageton, als ob er das gerade Gegenteil einer allgemein
bekannten Tatsache behaupten wollte: »Mayer ist ein ehrenwerter
Mann . . .?//* — Allgemeines Gelächter. Mayer fährt wütend auf: »Sie
haben den gerichtlichen Vergleich nicht eingehalten!« — »Doch« —■
erwidert Müller gelassen — »wir haben uns ja nur auf den Text
verglichen, nicht auf die Musik!«

Man kann also durch die »Musik« gerade das Gegenteil dessen
ausdrücken, was der gemeine Sinn der Worte bedeutet, und das
kommt tausende Male im täglichen Leben vor. Wie oft freuen sich
Leute über das Glück anderer oder nehmen schmerzlich teil am Un-
glück anderer mit einem Tonfall der Stimme, dem man es ganz
zweifellos anhört, daß ihre wahren Gefühle im direkten Gegensatz zu
den Worten stehen. Das Wort kann leichter lügen als der Ton. Und
der »Ton« kann das Wort Lügen strafen. »Ton« aber bedeutet in
allen diesen Fällen nichts anderes als die psychogenetischen Klang-
farbenvarianten, in denen die wahre Seelenverfassung, die wirklichen
Gefühle jedes Sprechenden zum Ausdruck gelangen. Der bekannte
französische Spruch: »C'est le ton qui fait la musiquet- würde somit
richtiger lauten: »Klangfarbe macht die Musik«.

Zu dem unveränderten Worttext: »Mayer ist ein ehrenwerter
Mann« können wir uns eine unendliche Reihe verschiedener Klang-
bilder auf sprachmusikalischem Wege hinzu komponiert denken, an-
gefangen vom Brustton aufrichtiger Überzeugung von der Wahrheit
des Gesagten, die ganze Skala herunter bis zur hohltönenden Kund-
gebung des geraden Gegenteils. Der charakteristische Eindruck aller
dieser Varianten liegt einzig und allein auf den von unserem Gehör
sehr fein unterschiedenen und überaus leicht und rasch wahrgenom-
menen psychogenetischen Klangfarbenschattierungen.

Die Dichtkunst, die ja, ebenso wie die Tonkunst, eine Kunst des
Klanges ist und die sich weniger an den Verstand, mehr an das Ge-
fühl und die Einbildungskraft der Hörer wendet, hat seit jeher diese
Klangfarbenschätze der menschlichen Stimme sich zu eigen gemacht
und sie zur Erzielung ihrer stärksten Wirkungen benützt. Ich will
aus der unerschöpflichen Fülle dieser Wirkungen nur einige wenige
herausgreifen, um auf die eigenartigen Unterschiede aufmerksam zu
machen, durch welche sich das geschriebene Dichterwort zu dessen
sprachmusikalischer Vertonung in ein analoges Verhältnis stellt, wie
die geschriebene Partitur eines Musikstückes zu den lebendigen Klang-
formen seiner Orchesteraufführung. In beiden Fällen haben wir es
mit einem Auferstehungsakt zu tun.
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