Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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512 BESPRECHUNGEN.

■nornmen, speziell der Lehre vom Begriff. Oder es finden sich Überschriften wie
»Die spezielle Zweierversammlung« und Sätze wie dieser: »Schon wenn ich einen
Wiesenabhang hinaufsehe, über dem nur der Himmel blickt, habe ich oft das
Gefühl, einer Zweierversammlung gegenüberzustehen«; oder: »Die Baukunst hat es
mehr mit der Ein-Vielheit zu tun, die Malerei dagegen mit den Zwei-Einheits-
formen«. Das sind Imponderabilien des Ausdrucks, die bei dem, der wirken will,
ins Gewicht fallen — wirken noch ganz unverächtlich gemeint.

Man sollte vielleicht allgemein bei kunstwissenschaftlichen Arbeiten die Ein-
teilung möglichst konkret aus der Sache holen; im Interesse der Lektüre und der
angenehmen, leichten Aneignung sollte die Anordnung nicht Gesichtspunkte als be-
herrschend zeigen, die nicht diesem bestimmten Stoff entnommen sind. Man wird
z. B. in Werken der allgemeinen Kunstwissenschaft nach ganz anderen Gesichts-
punkten, und zwar kurz gesagt nach konkreteren, einteilen müssen als in der
Ästhetik. In Werken der letzteren kann man psychologische Kategorien der Ein-
teilung zugrunde legen, in solchen der allgemeinen Kunstwissenschaft dagegen
lieber technische und dergleichen. Es ist eben ratsam, an die dem betreffenden
Leserkreise vertrauten Vorstellungen auch mit der Gliederung des Vortrags anzu-
knüpfen. So würde nun meines Erachtens auch ein Buch über die Landschaft
leichter gelesen, wenn darin etwa, mindestens als Hauptabschnitte neben anderen,
vorkämen: Land und Wasser, Ebene und Gebirge, Flora und Fauna usw. — ja ich
würde schon diese letzteren gelehrten Ausdrücke um keinen Preis als Kapitelüber-
schriften in einem solchen Werke verwenden. Gewiß hat man zuerst, wenn man
ein Buch über ein noch so wenig bebautes und dabei höchst komplexes Gebiet in
die Hände nimmt, die Befürchtung, ob es dem Autor auch gelungen sein werde,
wissenschaftlich zu sein; das ist diesem Autor gelungen, aber vielleicht zu sehr.

Anderseits gibt es heute so viele Leute, für die nicht Gedanken oder Beob-
achtungen und ihre Ausgestaltung, sondern ihre »Verwertung« die erste An-
regung und das letzte Ziel bilden; von Büchern, wie diese sie zu schreiben pflegen
(Namen fallen ja jedem sofort ein), könnte man aus dem vorliegenden Bande ein
halbes Dutzend anfertigen; mit viel weniger Fleiß, Eindringlichkeit, Liebe zur Natur
und zu philosophischen Problemen könnte man das, und die Sachen würden viel-
leicht »gut gehen«. Das soll hier gewiß nicht empfohlen oder vermißt werden,
aber ein wenig mehr von praktischem Sinn möchte man dem Verfasser wünschen,
in seinem und des Buches Interesse und um des Publikums willen, das sich dann
in größerer Zahl des Inhalts bemächtigen würde.

Essen-Holsterhausen a. Ruhr. Erich Everth.
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