Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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II.

Über den gegenwärtigen Stand der
experimentellen Ästhetik.

Von

Th. Ziehen J).

Die empirische (induktive) Ästhetik oder die Ästhetik »von
unten«, wie sie Fechner im Gegensatz zur deduktiven Ästhetik, der
Ästhetik »von oben« genannt hat, kann ihr Ziel auf zwei verschiedenen
Wegen zu erreichen versuchen. Vielfach begnügt sie sich mit der Unter-
suchung des Schönen, das uns in Natur und Kunst gegeben ist, und
seiner Einwirkung auf diesen und jenen Beobachter. Dieser erste Weg
ist der ältere. Er hat den großen Vorzug, daß er das Schöne in der
vollen Zusammengesetztheit, wie Natur und Kunst es uns darbieten
und wie wir es herzustellen trachten, aufsucht. Der zweite Weg ist
der experimentelle. Wie bei vielen psychologischen und naturwissen-
schaftlichen Untersuchungen ergibt sich bei dem Verfolgen des ersten
Wegs vielfach, daß das vorhandene Material — hier also das Schöne
in Natur und Kunst — so kompliziert zusammengesetzt und so zer-
streut und so unvollständig ist und uns auch unter so wechselnden
und unbestimmten objektiven und subjektiven Bedingungen entgegen-
tritt, daß die Ableitung von Gesetzen in vielen Fällen auf das
äußerste erschwert, nicht selten unmöglich ist. Wie der Physiker
nicht imstande ist, aus den gelegentlichen elektrischen Erschei-
nungen in der Natur, Gewittern und dergleichen, die Gesetze der Elek-
trizitätslehre zu entwickeln, sondern in der Leydener Flasche sich einen
sehr einfachen, jederzeit unter gleichen Bedingungen der Untersuchung
zugänglichen, bis zu einem hohen Grad der Vollständigkeit variierbaren
elektrischen Vorgang als Untersuchungsobjekt verschafft und aus
diesem die Grundgesetze der Elektrizität ableitet, so stellt sich der
experimentelle Ästhetiker einfache ästhetische Objekte her und legt
sie seinen Versuchspersonen unter möglichst einfachen Bedingungen

') Vortrag, gehalten auf dem Berliner Kongreß.
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