Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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^2.

XIV.

Zur Begründung einer animistischen Ästhetik.

Von

Alfred Werner.
I. Grundlegendes.

1. Die Ästhetik im Anschluß an eine auf der »Philosophie
als Grundwissenschaft« fußende Psychologie.

Der ästhetische Genuß wird von den meisten modernen Ästhetikern
mit Recht als Kernproblem der Ästhetik hingestellt. Fast allgemein
glaubt man dabei, über ästhetischen Genuß Klarheit gewonnen zu haben,
wenn man ihn als besondere »Seelentätigkeit« bezeichnet, die dann näher
beschrieben wird. Es soll sich um eine »Tätigkeit« oder »Funktion«
der Seele handeln, mag man nun insbesondere von »Einfühlung«, »Ver-
schmelzung«, »innerer Nachahmung«, »Pendelspiel der Seele« oder
»psychischer Bewegung« sprechen. Wer aber das Gegebene, das wir
»Tätigkeit« nennen, in seiner Bedeutung vorurteilsfrei prüft, kommt zu
dem Ergebnis, daß jenes Wort für die Erklärung ästhetischen Genusses
in der Tat nur ein sinnleeres Wort bedeutet. In dieser Erkenntnis
liegt zugleich die Einsicht, daß ästhetischer Genuß und ästhetisches
Bewußtsein bisher noch keineswegs wissenschaftlich, d. h. in zer-
gliedernder Betrachtung fraglos klar bestimmt worden ist.

Doch warum ist ästhetisches Genießen keine Seelentätigkeit?

Zunächst muß man sich über den Sinn des Wortes »Tätigkeit«
klar werden. J. Rehmke1) hat dieses Lieblingswort der modernen Philo-
sophie, das wie etwas Selbstverständliches von Mund zu Munde geht,
auf seinen Sinngehalt des öfteren untersucht. In dieser Arbeit sprechen
wir über die Seelentätigkeit ausführlicher in der Kritik der »inneren
Nachahmung«. Hier mag nur gesagt sein, daß unvermitteltes Wirken
eines Einzelwesens, also hier der Seele, um deren »Tätigkeit«, um deren
unvermitteltes Wirken auf sich selbst, es sich in unserem Falle handelt,

') J. Rehmke, Lehrb. d. allg. Psychol., Leipzig 1905, S. 422 ff.; 480 ff. Derselbe,
Das Bewußtsein, Heidelberg 1910, S. 7—10; 12 f. u. a. a. O. Derselbe, Anmerkungen
zur Grundwissenschaft, Leipzig 1913, S. 67—96.
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