Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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XIX.

Nietzsches Idee der Kunst und des Tragischen1).

Von

Elise Dosenheimer.

Nietzsches Idee der Kunst und des Tragischen geht Hand in Hand
mit seiner allgemeinen Entwicklung. In seiner Stellung zu dem Phä-
nomen der Kunst und der tragischen Dichtung spiegelt sich stets
seine jeweilige Art, die Welt zu deuten, ab, wie umgekehrt diese von
jener eine letzte Beleuchtung erfährt. Und zwar ist dieser Zusammen-
hang um so stärker, je größer ihm die Bedeutung der Kunst ist.

Dem Verfasser oder richtiger dem Dichter der »Geburt der Tragödie
aus dem Geiste der Musik« ist die Welt ein Phänomen und zwar
nur ein »ästhetisches Phänomen«. Nietzsche spricht ja selbst in
der später geschriebenen Vorrede von der »Artisten-Metaphysik«, die
im Hintergrunde steht: »das ganze Buch kennt nur einen Künstler-
Sinn und -Hintersinn hinter allem Geschehen«2). »Die Geburt der
Tragödie« ist eine Metaphysik der Kunst, welche die Kunst zur Meta-
physik macht« (Riehl).

Die Kunst wird zur Metaphysik, weil sonst die Metaphysik der
Welt unerklärlich bliebe, weil dies für Nietzsche den einzig möglichen
Weg zu einer Theodizee der Welt bedeutet.

Die Wechselwirkung zwischen Stellung zur Kunst und Welt-
deutung geht hier, bei der ersten Formulierung und analog der über-
ragenden Stellung, die die Kunst in Nietzsches Rangordnung der
Weltphänomene in dieser Zeit einnimmt, bis zum Verhältnis imma-
nenter Kausalität, wenn nicht Identifikation. Weil das Wesen
der Welt ein ewiger Urschmerz, ein ewiger Urwiderspruch ist, weil
sie als solche auf Illusion, Täuschung, Schein aufgebaut, weil sie mit
einem Wort als »moralisches Phänomen« ein »Betrug« ist, kann sie
nur als ästhetisches gerechtfertigt sein, so kann also auch ihr Ursprung

') Es sind für diese Ausführungen außer den zusammenhängenden Werken
besonders auch die in den Nachlaßschriften vereinigten Notizen und Fragmente
verwertet. N bedeutet beim Zitieren Nachlaßband.

2) Sehr bezeichnend ist auch: »Ich war verliebt in die Kunst und sah in allem
Seienden nichts als Kunst« (N III, 118).
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