Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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556 BEMERKUNGEN.

Grundsätzliches über Ästhetik, allgemeine und systematische

Kunstwissenschaft.

Von

Oskar Wulff.

Das Verhältnis der Ästhetik und allgemeinen Kunstwissenschaft zueinander
und beider zur kunstgeschichtlichen Forschung ist unter der Anregung des vorig-
jährigen Berliner Kongresses sowohl von kongreßfreundlicher wie von gegnerischer
Seite mehrfach lebhaft erörtert worden. Zugleich und auch unabhängig davon ist
an der Organisation des Kongresses gelegentlich mehr oder weniger scharfe Kritik
geübt worden, — nicht immer mit ausreichendem Verständnis für die Ziele und Vor-
aussetzungen dieser ersten Veranstaltung ihrer Art auf wissenschaftlichem Boden').
Nachdem inzwischen der Kongreßbericht erschienen ist und damit die Arbeit des
vorbereitenden und redaktionellen Ausschusses ihren Abschluß gefunden hat, ist
fester Grund für eine sachliche Entgegnung auf solche Auslassungen gelegt und
weitere Zurückhaltung unserseits nicht mehr geboten.

Ein Haupteinwand prinzipieller Art gegen die ganze Anlage des Kongresses2)
zielt dahin, daß Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft in den Verhandlungen
nicht die ihnen zukommende beherrschende Stellung eingenommen hätten, daß viel-
mehr die in den Sektionen verteilte Arbeit der Spezialwissenschaften das Über-
gewicht über ihr Zusammenwirken unter allgemeinen Gesichtspunkten gewonnen
hätte. Diese Ausstellung beruht, wie ich besonders im Hinblick auf die bildende
Kunst, auf die auch Hamann vorzugsweise Bezug nimmt, begründen möchte, auf einer
Überspannung der philosophischen Forderungen gegenüber den nächsterreichbaren
und darum dringendsten Aufgaben der kunstwissenschaftlichen Phänomenologie.
Um die letzteren klar zu erfassen, haben wir uns die allgemeine wissenschaftliche
Sachlage, die praktische nicht minder wie die theoretische, zu vergegenwärtigen, aus
der erst der Kongreßgedanke entsprungen ist und aus der sich auch die Recht-
fertigung der Kongreßarbeit ergeben muß.

Der Grundgedanke dieses Kongresses — er trat in Max Dessoirs Eröffnungs-

') Bei dem berechtigten Ansehen, das der Kunstwart in weiten Kreisen genießt,
ist es besonders zu bedauern, daß auch der im zweiten Novemberheft 1913 dieser
Zeitschrift (KW. XXVII, 4) veröffentlichte Bericht von W. Schumann dem Kongreß
keineswegs gerecht geworden ist. Wenn der Herr Berichterstatter die dem letzteren
gestellte Nebenaufgabe, die Verständigung zwischen den Vertretern der Wissen-
schaft und der »öffentlichen Kunstpflege« (in der Kritik und Kunstschriftstellerei) zu
fördern, — von seinem Standpunkt mit einem gewissen Recht — in den Vordergrund
rückt, so hätte doch zum mindesten mit ein paar Worten auf das wissenschaftliche
Hauptziel des Kongresses hingewiesen werden sollen, das für die Organisation des-
selben, so vor allem für die vermeintliche »Überfülle« und die Auswahl der Vor-
träge, in erster Linie maßgebend sein mußte. Auch in den übrigen Ausstellungen
verrät der Bericht, der sich nur auf die Verhandlungen der literar- und musikwissen-
schaftlichen Sektion erstreckt, die der kunstwissenschaftlichen Abteilung hingegen
nicht mit einem Worte berührt, ein stark subjektiv gefärbtes Urteil.

2) R. Hamann, Zum Kongreß für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.
Internat. Monatsschr. f. Wissenschaft, Kunst und Technik 1914, VIII, H. 6 (März).
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