Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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XII.

Der Begriff der musikalischen Form.

Von
Hermann Erpf.

Einleitung: Problem und Methode.

Das Problem der »Form« tritt ein in die Musikästhetik mit Hans-
licks Buch »Vom Musikalisch-Schönen«.

Während die allgemeine philosophische Ästhetik, soweit sie sich
überhaupt mit Musik befaßt, auch weiterhin nur allgemeinere Probleme
behandelt, spielen in der speziellen musikalischen Ästhetik die Aus-
einandersetzungen über »Form« und »Inhalt« und ihr Verhältnis fortan
eine große Rolle. Man ist dabei neuerdings allgemein zu einer Ab-
lehnung des schroffen, rein formalistischen Standpunktes Hanslicks
gekommen; eine weitergehende Einigung über die vorliegende Frage
ist aber nicht erreicht worden. Die Meinungen gehen immer noch
sehr auseinander.

Der Hauptgrund dafür dürfte ein sehr äußerlicher sein: der Begriff
der »Form« wird nicht, oder nur mangelhaft definiert; jeder Ästhetiker
versteht unter »Form« etwas anderes, ja, das Wort »Form« wechselt
seine Bedeutung oft innerhalb eines und desselben Werkes. Das ist
schon bei Hanslick der Fall; man kann bei ihm nicht zu einer klaren,
eindeutigen Anschauung dessen, was er unter »Form« verstanden
wissen will, gelangen. Die Folge solcher mangelhaften begrifflichen
Bestimmungen sind endlose Mißverständnisse und Meinungsver-
schiedenheiten.

Es soll daher versucht werden, einen bestimmten, eindeutigen Be-
griff der musikalischen »Form« aufzustellen und scharf von
allem mit »Inhalt«, »Ausdruck« usw. zu Bezeichnenden zu trennen,
um damit alle künftigen Arbeiten auf diesem Gebiete, wenn nicht zur
Annahme dieses Formbegriffs, so doch zu einer Auseinandersetzung
mit ihm und exakter Formulierung des eigenen Standpunktes zu ver-
anlassen.

Den natürlichen Ausgangspunkt für eine solche Untersuchung
bildet die musikalische Formenlehre im weitesten Sinne, die


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