Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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XIII.

Über dekorative Malerei.

Von

Karl Doehlemann.

Bei jedem Kunstwerk kann man von einer gewissen dekorativen
Wirkung sprechen; so ist z. B. bei einem Gemälde die Art und Zu-
sammenstellung der Farben aus diesem Gesichtspunkt zu beurteilen.
Wenn ferner das Gemälde an der Wand hängt, so wird es bis zu
einem gewissen Grade mit dem Rahmen und mit der Wand zusammen
zu betrachten sein. Das ist eine zweite dekorative Wirkung. Natür-
lich besitzt ein Bild außer dem Farbenmosaik an und für sich noch
andere künstlerische Qualitäten, die zum mindesten ebenso wichtig,
unter Umständen noch wichtiger sind.

Ich nenne nun ein Kunstwerk dekorativ, wenn es in erster
Linie mit Rücksicht auf seine Umgebung zu betrachten ist, und erst
in zweiter Linie als selbständiges Kunstwerk.

Wir wollen uns bei den folgenden Betrachtungen auf die Malerei
beschränken und auf ihre Verwendung zum Schmucke der Wand.
Dabei bleibt es sich gleich, ob sie als Fassadenmalerei die Außenwand
ziert oder als Innendekoration auftritt.

Dem freien künstlerischen Schaffen liegen logische Überlegungen
fern; im Gegensatz dazu sollen im folgenden die möglichen Fälle der
dekorativen Wandmalerei gewissermaßen theoretisch abgeleitet werden.

1. Der erste Fall ist offenbar der, daß die Malerei die Wand fort-
bestehen läßt, ja sie noch stärker betont. Das tritt ein, wenn wir die
Wand mit einem ornamentalen, flächenhaften Muster zieren, ebenso
wie wir ja auch einen Teppich an die Wand hängen. Ich will diese
Art der Dekoration kurz ornamentale Malerei nennen.

2. Als zweite Möglichkeit betrachten wir den gerade entgegen-
gesetzten Fall: die Wand soll durch irgendeinen Schmuck negiert,
d. h. möglichst weggetäuscht werden. Das wird nur in der Weise
möglich sein, daß die Malerei dann gewissermaßen die Rolle des
Architekten übernimmt und in ihrer Art weiterführt. Nun 'ist es die
Aufgabe des Architekten, Innenräume oder Raumformen zu schaffen,
indem er dieselben durch die Wände begrenzt. Auf einer Wand
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