Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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X.

Die Theorie des Tragischen im griechischen

Altertum.

Von

Robert Petsch.

Seitdem Fechner in seiner »Vorschule der Ästhetik« die Philosophie
der Kunst aus den Banden der bloßen Spekulation befreit und in die
gesunderen Bahnen der wissenschaftlichen Induktion gelenkt hat, sind
auch die Theoretiker des »wahrhaft Tragischen« mehr und mehr ver-
stummt und haben einer voraussetzungslosen Würdigung der Tatsachen
das Feld geräumt. Mit dem der Antike entnommenen Namen »Tra-
gödie« hat man zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen
Himmelsstrichen sehr mannigfache dramatische und auch nichtdrama-
tische Dichtungen, ja selbst Vorgänge aus dem Leben bezeichnet, die
also doch wohl irgend etwas miteinander gemein haben müssen.
J. Volkelt hat in seiner ausgezeichneten »Ästhetik des Tragischen«
die ganze Fülle dieser Erscheinungen zu überblicken und dadurch
»möglichst bedeutungsvolle ästhetische Gefühlstypen« zu gewinnen
versucht. Indem er »das ästhetisch Zusammengehörige durch Heraus-
hebung möglichst elementarer und doch bestimmt charakterisieren-
der Faktoren verknüpft und ordnet«, weiß er den Höhepunkten so-
wohl, wie den schwankenden Übergängen des Gefühlslebens gerecht
zu werden. Und wie er der Vielgestaltigkeit der tragischen Dichtung
verständnisvoll nachgeht, so wirft er auch hie und da einen prüfenden
Blick auf seine Vorgänger in früheren Jahrhunderten. Hier bleibt aber
der Forschung noch recht viel zu tun übrig. Gerade die Befangenheit
der alten Zeugen, um derentwillen wir sie nur mit Vorsicht für syste-
matische Zwecke heranziehen können, macht sie uns geschichtlich
wertvoll. Je besser wir sie begreifen lernen, um so klarer wird uns
vieles an den Kunstwerken, die zum Teil mit ihnen auf demselben
Boden erwachsen sind, sei es nun, daß sie der Theorie folgten, oder
ihr trotzten, oder sie neu befruchteten.

Je weiter wir freilich in der Geschichte der Ästhetik zurückgehen,
um so schwieriger werden die Probleme für uns; das gilt nicht bloß
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