Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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Bemerkungen.

Der „Biographismus" in der Literaturgeschichte.

Von

Richard M. Meyer.

Der Herausgeber dieser Zeitschrift hat in seiner Eröffnungsrede zum ersten
Kongreßtag für Ästhetik und Kunstwissenschaft Bedenken gegen die »biogra-
phische Methode« in der Literaturgeschichte ausgesprochen. Es ist wohl nicht zu
bezweifeln, daß seine Anschauungen in weiten Kreisen und gerade auch in denen
geteilt werden, die dieser Zeitschrift nahestehen: sie sind nachdrücklich z. B. sowohl
von dem Germanisten Max Herrmann (in seiner Einleitung zu der Ausgabe von
Goethes »Werther«) als auch von dem Philosophen Georg Simmel (in seinem Goethe-
Buche) ausgesprochen worden. Es sei mir demgegenüber gestattet, für das soge-
nannte biographische Prinzip eine Lanze einzulegen — ich brauche nicht erst zu
sagen: nicht für unverständige Anwendungen. Denn wenn man uns mit denen
schlagen will, welche Methode und welche Wissenschaft ist vor Schlägen sicher?

Am großartigsten hat ja sicher Simmel in jenem bedeutenden Werke den Gegen-
satz gegen jene Methode ausgeführt — zunächst nur als den seiner eigenen Art
gegen die biographische, aber doch mit einer unverkennbaren Geringschätzung dieser
überhaupt. Was er anstrebt, ist eine Metaphysik der dichterischen Persönlichkeit.
Es soll der lebende Kern der Individualität in seiner zeitlichen Unberührbarkeit er-
faßt und als der eigentliche Träger sowohl des Wirkens wie des Erlebens dargestellt
werden. Im letzten Sinne ist das ja unser aller Streben, und jede Charakteristik
auch eines ganz unphilosophischen Literarhistorikers strebt diesem Ziele zu. Aber
wir fürchten: es ist eine Selbsttäuschung — auch sogar bei Simmel selbst —, wenn
der Philosoph dies Ziel ohne allen »Biographismus« zu erreichen glaubt. Gewiß,
wir suchen auch Dichter und Helden ferner Perioden in ihrer Eigenheit zu begreifen,
bei denen das Werk als einziges biographisches Denkmal blieb! Aber zunächst
ist das Werk selbst wirklich oft'genug ein lesbares Stück Lebensgeschichte, und
wenn Dante in feierlichem Ernst oder Wolfram von Eschenbach spielend Daten ihres
äußeren Lebens in ihr großes Werk verpflanzt haben, taten sie es jedenfalls nicht,
damit des einen Heimat oder des anderen Stand übersehen würde. Dann aber: ist
es wirklich der Fall, daß uns die Seele der großen Unbekannten so viel deutlicher
vor den geistigen Augen steht als die der allzu Bekannten, bei denen angeblich die
Menge der Tatsachen den Blick beirrt ? Und endlich: wo sogar ein Gedicht die
Seele seines Dichters ganz ins Helle stellt (und wo weder technische Absichten
noch konventionelle Gewohnheiten oder gar böse Schicksale des Werkes sich zwi-
schen seinen dichterisch innersten Drang und dessen Ausdruck drängen!), — selbst
da wird uns doch eben nur der Dichter dieser Dichtung geoffenbart! Aber wie
Goethe noch mehr ist sogar als der Verfasser des »Faust«, so wird auch der Dichter
des »Hiob« mehr als nur das gewesen sein.. . . Der Moderne hat gut reden, weil er
von dem, was er prinzipiell für überflüssig erklären mag, hinter seinem eigenen


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