Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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XVIII.

Weltanschauung und Kunstform von
Shakespeares Drama.

Von
Erwin Hernried.

I.

1. Die Welt Shakespeares erschließt sich jedem, der mit offenem
Sinn und starkem Empfinden in sie eingeht. Die Weltanschauung
Shakespeares aber verweigert sich, wo man versucht, mit philosophi-
schen Begriffen und Systemen ihrer habhaft zu werden. Shakespeares
Drama ist wie die Welt: einfach, wirklich, selbstverständlich, solange
man sich's an der Tatsächlichkeit dieses Sein und Geschehens genügen
läßt. Sucht jedoch der Verstand sie in die Abstraktion zu ziehen,
dann wirkt sogleich der Fluch der Einseitigkeit und der äußersten
Gegensätze, der noch jeden gedanklichen Bau einer Weltanschauung
getroffen hat.

Der Wert der Welt liegt nicht in ihrem Sinn, sondern in ihrem
Sein. Der Wert der Dramen Shakespeares liegt nicht in einer Welt-
anschauung, die sie ausdrücken wollen, sondern darin, daß sie da
sind und sich mit immer neuer Kraft vor uns abspielen. Aus ihnen
aber die Weltanschauung Shakespeares zu gewinnen ist möglich und
stellt einen ganz eigenen Wert dar. Wir sprechen freilich von der
Realität, der Wirklichkeit, die wir in Shakespeares Drama finden. Aber
daß wir die Wirklichkeit hier wieder finden, ist das eigentliche Phä-
nomen. Daß das Leben in aller Kraft und Fülle hier wiederersteht, in
einem Kunstwerk, in dem Ausdruck einer Persönlichkeit, das gibt der
Erscheinung einen Bekenntnischarakter. Und Bekenntnis bleibt
es, ,wie immer wir innerhalb der Kunstschöpfung die Grenzen von
bewußt und unbewußt, von Lebensansicht und einfachem Sichaus-
wirken ziehen.

Man hat gesagt, Shakespeare habe eine Philosophie ebensowenig
wie das Leben eine besitzt. Das ist falsch. Denn mindestens »hat«
Shakespeare doch das Leben, und in ganz anderem Sinn als dieses
sich selbst besitzt. Fehlten uns alle philosophischen Äußerungen
Shakespeares, so hätten wir allein mit der Kraft, mit der er die Wirk-
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