Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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Besprechungen.

Walter Schmied-Kowarzik, Umriß einer neuen analytischen Psycho-
logie und ihr Verhältnis zur empirischen Psychologie. Leipzig
1912, Johann Ambrosius Barth. IV u. 318 S.
W. Schmied-Kowarzik, der in seiner derzeit hier besprochenen Abhandlung
»Intuition«, zur Psychologie des ästhetischen Erlebens als feinsinniger Denker und
Kenner manches Treffende zu äußern hatte, tritt dieses Mal mit einem umfangreichen
Werk auf, das wegen seiner prinzipiellen Haltung und größeren erkenntnistheore-
tisch-methodischen Prätentionen auch mehr Widerspruch herausfordern muß. Trotz
mancher gelungenen Einzelheiten und sehr fleißig zusammengetragener Literatur
wird man das Ganze doch als einen Versuch mit unzureichenden Mitteln bezeichnen
müssen, und der Verfasser hat, im Bemühen, einer Reihe von Desideraten der
Psychologie gerecht zu weiden, dem Begriff einer analytischen Psychologie eine
solche Dehnbarkeit gegeben, daß er dadurch mit einer gewissen Unklarheit verbunden
ist und widersprechende Bestimmungen umschließt. Das Unzureichende scheint mir
vor allem auf der Seite der philosophischen Besinnung zu liegen, wodurch Pro-
bleme und Begriffe, die jenseits des eigentlichen psychologischen Denkens liegen,
gern als »trübe« und »unklare« abgewiesen werden — ein Vorwurf, der sich eher
auf die vorliegenden Ausführungen anwenden läßt, deren letzte Probleme sehr hoch
gegriffen sind; ihre Bewältigung ist bei einem oft ganz naiv dogmatischen Stand-
punkt dem Verfasser nicht gelungen. Es ist eine Reihe von Aufgaben, die die
analytische Psychologie von Schmied-Kowarzik zu lösen vorgibt. Vor allem soll die
Psychologie zu einer apodiktischen Wissenschaft erhoben werden; sie will die gleiche
Apodiktizität wie die Mathematik behaupten, zu der fortwährend Parallelen gezogen
werden; sie will die Aufgabe erfüllen, die Dilthey in seinen Ideen über eine be-
schreibende und zergliedernde Psychologie als Grundlage für die Geisteswissen-
schaften, im Gegensatz zu einer naturwissenschaftlich behandelten Psychologie auf-
gewiesen und zum Teil selbst erfüllt hat; sie will sich gänzlich vom Empirischen,
das nicht apodiktisch sein kann, freihalten, obwohl sie das tatsächliche Beieinander
von empirischen und analytisch-psychologischen Erkenntnissen durchaus nicht leugnet.
In dieser Loslösung von dem Empirischen, dem Wirklichkeitszusammenhang, be-
rührt sich Schmied-Kowarzik mit der phänomenologischen Richtung, die ja für ihre
Wesensschau auch eine Art Apodiktizität beansprucht. Vergleicht man aber das
Verfahren der Phänomenologie mit dem von Schmied-Kowarzik, so wächst die
phänomenologische Methode zu einem Gebäude von eiserner Folgerichtigkeit empor
gegenüber den Ausführungen von Schmied-Kowarzik, die oft behaupten, Nicht-
empirisches zu geben, ohne daß doch die konsequente Abstraktion von der Wirklich-
keitsbeziehung nun auch durchgeführt wäre. Man mag zweifelhaft sein, wie weit
die phänomenologische Methode (die ja, je nach ihren Abschattierungen, ein mehr
fichtisch-struktural Analytisches gibt, wie bei Husserl, oder ein mehr intuitiv-gefaßtes
Unmittelbares, bei Scheler, Geiger usw.) für eine Grundlegung gerade der Erkenntnis
ausreicht — jedenfalls aber führt sie das, was sie will, auch wirklich durch, und
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