Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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DIE PERSÖNLICHKEIT D. KÜNSTLERS IM KUNSTWERK U. IHRE BEDEUTUNG. 65

büßen. Glücklicherweise braucht man nicht zu fürchten, daß die
Kunst als Ganzes dieser Gefahr verfällt. Die reine Artistenkunst hat
in keiner Gattung Aussicht auf nennenswerte Erfolge als in der Malerei;
selbst in der Plastik, die auf die Menschengestalt mit der Fülle von
organischen und psychischen Kräften, die sie in sich birgt, angewiesen
ist, ist eine Kunst, die den Stoff als gleichgültig behandelt und sich
darauf beschränkt, Technik zu sein, zu ewiger Unfruchtbarkeit ver-
dammt. Aber auch für die Malerei ist es ein Interesse ohnegleichen,
daß uns unter ihren Künstlern neben rein aufs Auge organisierten
Sinnenmenschen, die sie nicht missen kann, Vollpersönlichkeiten von
reich ausgeprägtem Innenleben entgegentreten, an deren Schöpfungen
wir uns zum Höchsten erheben können. Namentlich die deutsche
Malerei würde durch ein ausschließliches Einschlagen und Verfolgen
der l'art-pour-l'art-Richtung einen unersetzlichen Schaden erleiden.
Denn dem deutschen Volk ist nicht ebendieselbe Begabung für die
Form beschieden und dieselbe Freude an der Technik wie dem fran-
zösischen; ihm fällt es schwer, in der Technik den lebendigen Geist
zu ahnen, der sich in ihr auswirkt. Es verlangt ohnedem tiefe Inner-
lichkeit, es lechzt nach Herz und Gemüt, die der einseitigen Form-
kunst, so geistig sie gewiß bei ihren großen Vertretern ist, doch ver-
sagt sind. Das deutsche Volk mag auch weiterhin in der Schule der
Artisten lernen, die Darstellung als solche geistig zu werten als Aus-
druck eines bedeutenden Künstlergeistes. Aber es wird nie aufhören
erst da zu erwarmen und sich heimisch zu fühlen, wo es in der Kunst
auf einen Geist stößt, der sich schaffend und gestaltend mit der Welt
und seinem eigenen Innern auseinandersetzt. Würde es anders denken,
so würde es Verrat an seinem Genius üben und die Sache der Mensch-
heit schädigen. Denn wie die Kunst überhaupt geknüpft ist an die
Künstlerpersönlichkeit, so ist höchste Kunst undenkbar ohne volles
allseitiges Menschentum des schöpferischen Geistes.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. IX.
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