Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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108 OTTOKAR FISCHER.

suche er Problemen nachzuspüren, die vielleicht nur ihm haben auf-
gehen können. Er bewahre sich das Gefühl distanzierender Ehrfurcht,
ob er nun strebt, nicht so sehr über einen Dichter zu sprechen als
»ihm nachzusprechen«, ob er von der Erfassung einzelner Individuali-
täten zu der höheren Aufgabe vorschreitet, die durch das heute mit
Recht so stark betonte Gebot wissenschaftlicher Synthese umschrieben
ist. Dabei bleibe er jener Grundtatsache eingedenk, die sich, wie
überall, auch in der Forschung kundgibt, der Forderung des Kräfte-
messens, des Kampfes. So wie der Übersetzer, so hat auch der Forscher
einen Gegenstand, sei's ein Dichter, sei's ein Zeitalter oder ein spezielles
Problem, liebend zu befehden: aber nicht mit Waffen, die er vom
Gegner borgt, nicht mit Hilfe dichterischen Pompes, nicht mit dich-
terischer Inspiration, nicht als Bekenner des gleichen künstlerischen
Kredos: sondern als Kämpfer des Geistes hat er zu ringen, der auch
vor dem letzten nicht zurückschreckt, mag er auch sicher sein, das
äußerste Geheimnis einer Individualität, einer dahingeschwundenen Zeit
niemals voll ergründen zu können. Auch der Forscher will durch den
Kampf selber wachsen, auch der Forscher darf jedem Gedanken, mit
dem es sein ringender Geist aufnimmt, zurufen: ich lasse dich nicht,
du segnest mich denn!
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