Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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468 PAUL HOFMANN.

habene einen Gegensatz zu dem im engeren Sinne Schönen bildet.
Und schon Kant hat bei der Feststellung dieses Gegensatzes auf das
im Erlebnis des Erhabenen enthaltene disharmonische Moment hinge-
wiesen. Eine besondere Form des Erhabenen ist das Tragische. Das
Tragische nun brachte uns, wie wir sahen, die Echtheit eines Wertes
eben dadurch zum Bewußtsein, daß es uns in der Auffassung des-
selben einen inneren Widerstand überwinden' läßt: wir wehren uns
innerlich gegen die Vernichtung des Wertvollen, die wir erleben
müssen, und gerade dabei werden wir uns seines Wertes recht ein-
dringlich bewußt. Das Gegenstück des Tragischen aber ist das
Komische. Hier erfassen wir nicht die Echtheit eines Wertes, sondern
die Unberechtigung eines Schätzungsanspruchs, und wir erfassen sie
dadurch, daß uns plötzlich, daß uns zu unserer Überraschung die
Nichtigkeit desselben vor Augen tritt. In beiden Fällen also, im
Tragischen wie im Komischen, ist ein Gegensatz zu der im engeren
Sinne schönen, zu der leichten, regelmäßigen und freien Auffassungs-
bewegung gegeben, da ja das eine Mal ein affektives Widerstreben,
das andere Mal die Überraschung für unser Erlebnis charakteristisch ist.
Dieses affektive Widerstreben und diese Überraschung können nun
aber, wie wir sahen, der adäquate Ausdruck einer bestimmten auszu-
drückenden Idee sein: wir können uns der Echtheit eines Wertes
nicht tiefer bewußt werden als der tragischen, wir können die Nichtig-
keit eines Schätzungsanspruches nicht deutlicher erfassen als der
komischen Darstellung gegenüber. Wo also die Idee dieser Echtheit
oder dieser Nichtigkeit eines Wertes durch eine ästhetische Formung
zum Ausdruck gebracht werden soll, wo um diese Idee als Zentrum
der ästhetische Zusammenhang eines Kunstwerks sich kristallisieren
soll, da bietet diese widerstrebende, tragische oder die überraschende,
komische Vorstellungsbewegung die passende Gestaltungsform dar.
Obwohl also das Tragische und obwohl das Komische zu dem im
einfachsten Sinne des Wortes Schönen einen Gegensatz bilden, können
sie doch zu Gegenständen des ästhetischen Erlebens werden. Ja, wir
dürfen vielleicht sagen, gerade durch diesen Gegensatz wird die Inten-
sität des ästhetischen Erlebens noch gesteigert: das Tragische löst ein
besonders tiefes, das Komische ein besonders lebendiges ästhetisches
Erleben aus.
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