Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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470 ALFRED WERNER.

»Willenswirken des Bewußtseins«1). Wir geben Lipps zu, daß »Tätig-
keit ein Lusthaben für das ,tätige' Bewußtsein in sich schließt«. Was
hätte aber Unlust oder vielmehr »Unlustverwirklichung, die das Leiden
immer aufweist«, mit Tätigkeit zu tun? Aus diesen Gründen lehnen
wir die Sätze von Lipps2) ab: »Nun kann ich mich aber Iust- oder un-
lustgestimmt fühlen nur in irgendeiner Tätigkeit, irgendeiner inneren
Arbeit, einer Leistung. Dabei verstehe ich unter ,Tätigkeit' das, was
jeder meint, wenn er sagt: ,Ich fühle mich tätig' . . . Dies Erleben
einer Tätigkeit zunächst nun ist ein Fühlen.«

Was ist Einfühlung?

»Die ästhetische Einfühlung soll den ästhetischen Genuß begreiflich
machen, etwa den Genuß an einer räumlichen Form: Ich fühle mich
in die Form hinein und habe dann Lust an dem Objekte. Die ästhetische
Lust hat also ihren Grund in der Einfühlung. Sie ist Lust an dem
Ich, sofern es in das Objekt hineingefühlt ist«3).

Mit anderen Worten: Mein eigenes zuständliches Bewußtsein lege
ich in das Objekt, z. B. die räumliche Form hinein . . . »ich bin mit
meinen Gedanken in den Lebensäußerungen des Tieres, sowie ich mit
meinen Gedanken in der Spirale bin, ich verfolge jene Lebensäuße-
rungen, sowie ich die eigentümliche Bewegung der Spirale verfolge,
und indem ich dies oder jenes tue, fühle ich mich in dem Tiere, be-
ziehungsweise in der Spirale frei tätig, leicht spielend, oder Hemmungen
kraftvoll überwindend usw. Und wiederum, indem ich so mich ver-
halte, fühle ich in dem Tiere, beziehungsweise in der Spirale mich be-
glückt«4). Mit dem bloßen Zuständlichen freilich ist es nicht getan;
wir müssen das Gegenständliche hinzunehmen. Kommt es doch bei
Lipps auf ein Glücksgefühl, auf ein Gefühl freier Tätigkeit und leichten
Spieles an als auf Gefühl, das ohne Gegenständliches nicht verständlich
ist. An anderer Stelle heißt es: »Die Weisen meiner Betätigung ins-
besondere, von denen hier bei der Frage der ästhetischen Einfühlung
die Rede ist, können als Bestimmtheiten meiner selbst, nur in den Ob-
jekten sein, in denen ich betrachtend verweile. Indem ich dies letztere
tue, nehme ich mich mit den Weisen meiner Betätigung mit.« Es
handelt sich hier demnach um eine besondere Bestimmtheit des Be-
wußtseins. Warum sollte ich beim Anblick einer Spirale nicht das
Gefühl haben, als ob ich Hemmungen kraftvoll überwände? Das Ge-

') Rehmke, Anmerkungen zur Grundwissenschaft, Leipzig 1913, S. 67 ff.

2) Lipps, Ästhetik II, I. Kap.

3) Lipps, Ästhetische Einfühlung. Zeitschr. f. Psychol. u. Physiol. der Sinnes-
organe 1900, Bd. 22, S. 76 ff.

4) Lipps, a. a. O.
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