Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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BESPRECHUNGEN. 557

Ausdrucks, endlich »die angemessene Deklamation und Aktion« im mündlichen
Vortrage.

Wallaschek ordnet seinen Stoff in andere Gruppen: 1. Der Redeausdruck (Grund-
lagen und Hilfsmittel der Sprache). 2. Vorbereitung zur Rede. 3. Der Redner vor
und während der Rede. 4. Der Hörer beim Vortrag. 5. Wechselwirkung zwischen
Redner und Hörer. Aus dem ersten Abschnitt hebe ich hervor, daß die musikali-
schen Konstanten in der literarisch geformten Rede bestätigt werden; auch bemerkt
der Verfasser dasselbe, was Binet aus Kinderbeobachtungen erschlossen hatte: »Der
Tonfall ist etwas, was nicht auf Grund des Verständnisses eines Gedichts, sondern
rein instinktiv dadurch erkannt wird, daß man den Gefühlscharakter der Dichtung
vollständig aufnimmt. Man fühlt das musikalische Element früher, als man das in-
tellektuelle erkennt.« Unter vielen richtigen und anregenden Sätzen sei des weiteren
noch der folgende angemerkt: »Der Schauspieler darf und soll alles das, was er
mit Worten ausdrückt, auch mit der Gebärde ausdrücken. Er soll darstellen. Der
Redner aber darf nicht darstellen. Er darf die Darstellung nur andeuten, er darf die
Bewegung nur so weit in Anwendung bringen, als die Hörer veranlaßt werden, sich
in ihrer Phantasie die Darstellung vorzustellen.« Es wäre erwünscht gewesen, die
Eigenart des Vortragskünstlers hieraus des genaueren zu bestimmen. Indessen, der
Verfasser hat solche einläßlichen Darlegungen offenbar auf eine spätere Zeit ver-
schoben ; überhaupt gibt er keinen systematischen Aufbau, was sehr bedauerlich ist,
da wir doch endlich einmal eine vom Altertum unabhängige Wissenschaft unserer
modernen Redekunst erhalten müßten.

Aus dem Verzicht auf umfassende und erschöpfende Untersuchung erklärt es
sich auch, daß in den letzten Abschnitten locker aneinander gereihte Betrachtungen
dargeboten und mit Vorliebe an der akademischen Beredsamkeit orientiert werden.
Hier findet sich viel Gutes neben manchem Angreifbaren. Vielleicht darf ich, an
Stelle einer eigentlichen Kritik, einiges aus meiner eigenen Erfahrung ergänzend mit-
teilen. Die Vorbereitung einer Rede vollzieht sich für mich so, daß ich mir zu-
nächst den Gegenstand aus meinem Arbeitsgebiet wähle oder, falls er mir von
anderer Seite nahegelegt war, in Zusammenhang mit meinen geistigen Interessen
zu bringen suche. Dann lasse ich den Stoff mir zuströmen und zeichne ohne Ord-
nung auf, was mir einfällt oder was aus dem Gelesenen verwertet werden soll. Ist
das so gewonnene Material zu dürftig oder zusammenhangslos, so verzichte ich eben
auf den Vortrag, denn ich bin der altmodischen Meinung, daß man nur reden soll,
wenn man etwas zu sagen hat. Im anderen Falle heben sich von selbst aus der
Stoffmenge leitende Gedanken hervor, die jedenfalls schon bei Niederschrift der Ein-
fälle und Einzeluntersuchungen sowie bei der Auswahl aus dem Gelesenen un-
bewußt wirksam gewesen waren.

Auf die Gestaltung hat Einfluß, zu welchem Zweck und vor welcher Hörerschaft
der Vortrag gehalten werden soll. Ist die Absicht, die Anwesenden zu bestimmten
Entschlüssen zu bringen, so muß man die Gründe für und gegen durchgehen; nicht
die logisch triftigsten, sondern diejenigen Gründe führen zum Ziel, die mit der Stim-
mung des Publikums rechnen, denn das Gefühl bleibt selbst an solchen Vorstel-
lungen haften, die der Verstand überwunden hat. Ein parlamentarischer Schlaukopf
aus England gibt überdies folgende Regeln: »Zuerst überlege, was über den Gegen-
stand gesagt werden muß, dann, was über ihn gesagt werden kann ... Auf jeder
Seite werden gute und schlechte Gründe sein; wähle die einen aus, um sie zu ge-
brauchen, die anderen, um sie zu widerlegen . . . Sammle und verarbeite, was über
einen Gegenstand im Publikum gesagt wird. Das meiste wird auch in der Kammer
vorgebracht werden. Stutze das für deine Meinung Gesagte zu, auf das gegen
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