Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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578 BESPRECHUNGEN.

aber über alle anderen Figuren des Bildes, die den gleichen Cortegianotyp vertreten,
hinaus aufs höchste gesteigert zu dem nur als antike Idealgestalt denkbaren »per-
fetto cortegia.no«-.

Bei der Aufstellung der These der zweiten Arbeit, daß Raphael sich durch
eigenes Studium philosophisch gründlich gebildet habe, scheint der Verfasser, viel-
leicht unter dem Einflüsse der Polemik gegen Wickhoff, eine weniger glückliche
Hand gehabt zu haben.

Seine literarische Stütze, zunächst die bei Vasari erwähnten »bellissimi discorsi
e dispute d'importanza«, an denen Raphael teilgenommen hat, weiterhin das »doce-
rique ac docere vitae praemium. puteU, womit sich Caelio Calcagnini über Raphael
äußert, enthält doch, wie der Verfasser auch selbst bemerkt, nichts Bestimmtes zu-
gunsten seiner Behauptung. Sein hauptsächliches Argument ist folgendes: wie in
der vorhergehenden Arbeit nachgewiesen, gibt die Aristotelesgestalt des Freskos
das Cortegianoideal Raphaels. Nun ist aber »Maß zu halten« der Grundsatz des
Cortegiano des Grafen Baidessar, »Maß zu halten« das Grundprinzip der Niko-
machischen Ethik: also hat Raphael diese gründlich gekannt. Ebenso beweist die
gute Charakteristik der übrigen Philosophen das eingehende eigene Studium Raphaels.
Auch uns will jedoch die von den meisten Bearbeitern dieser Frage gebrauchte
Annahme zureichend erscheinen, daß nämlich Raphael durch bloße Gespräche mit
seinen Freunden Pietro Bembo und Graf Baidessar, welche die Gleichsetzung Ethik
= Cortegiano wohl ebenso leicht vollziehen konnten, wie der Verfasser das mit
wenigen Worten tut, und sie ja auch wirklich vollzogen haben, zu seiner Auffas-
sung des Aristoteles wie auch zur Charakteristik der übrigen Philosophen geführt
worden sei.

Uns interessiert aber besonders das folgende Argument: der Verfasser stellt
eine ganz hübsche und mögliche Entwicklungsreihe des Cortegianotypus bei Raphael
auf: er sieht ihn auf dem Bilde, der Traum des Ritters, in diesem, auf der Stock-
holmer Zeichnung der Anbetung der Könige in dem jungen Fürsten hinter dem
knieenden Könige, dann im Johannes der Madonna Ansidei, dann im Joseph des
Sposalizio, dann im Aristoteles des Freskos und zuletzt im Jesus des »Weide meine
Lämmer«-Teppichs; vom Joseph zum Aristoteles sei nun der Fortschritt so groß,
daß er nur durch eine große innere Entwicklung Raphaels zu erklären sei, eben
durch sein aus vertieftem Philosophiestudium erwachsenes neues Mannesideal.

Wir befinden uns bei der Erklärung der letzten gegenständlichen Formulie-
rungen in der Tat auf dem Grenzgebiete, wo außerkünstlerische Dinge sich in das
Reinkünstlerische hineinverflechten. Trotzdem ist, wenn wie hier bei Joseph und
Aristoteles große anschauliche Differenzen zwischen anschaulichen Tatsachenkom-
plexen, die augenscheinlich in Beziehung zueinander gesetzt werden können, zu er-
klären sind, doch wohl die nächste Frage die: welche Entwicklung die künstlerische
Anschauung Raphaels in der zwischen den zu vergleichenden Tatsachen liegenden
Zeit durchgemacht? Wir wissen, daß für Raphael zwischen dem Sposalizio und
den römischen Fresken die hohe Schule der Kunst »Florenz« lag; und wenn der
Verfasser zwischen dem rechts die Treppe hinaufsteigenden Jünglinge des Freskos
und der gleichfalls die Treppe hinaufsteigenden Gestalt des Ghibertischen Hand-
waschungsreliefs eine Beziehung glaubt feststellen zu können, dann kommt er einer
fruchtbareren Fragestellung schon nahe: auf diesem Wege hätte er das anschau-
liche Material gefunden, welches den Übergang vom Joseph zum Aristoteles ver-
mittelt. Dieses allein reicht aber nicht zu, wenn die Untersuchung von dieser Seite
her soweit durchgeführt werden soll, daß für des Verfassers Problem etwas heraus-
kommt. Wenn wir anschauliche Entwicklungen erklären wollen, so brauchen wir
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