Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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580 BESPRECHUNGEN.

gewisse Breite eintreten läßt, die sich bis in die minutiöse Aufzählung seines Werks
verliert, so etwa die fast führermäßig anmutende Besprechung der Sixtina, die uns
ein bloß Tatsächliches in trockener Aufzählung gibt, wie wir sie auch an anderem
Ort finden können. Als Ganzes jedoch wird die lebendige und leichtflüssige Dar-
stellung Brandis, bei Aufzeigung des allgemeinen geschichtlichen Hintergrundes der
einzelnen Phänomene, auch in dieser 4. Auflage sich neue Freunde erwerben.
Berlin-Halensee.

Lenore Ripke-Kühn.

Lovis Corinth, Über deutsche Malerei. Ein Vortrag für die Freie Stu-
dentenschaft in Berlin. Verlag von S. Hirzel in Leipzig, 1914. 8°. 51 S.

Am 30. Januar 1914 verlas Corinth den Freien Studenten einen Aufsatz, der jetzt
mit einer Widmung an den »deutschesten Künstler Max Klinger« im Drucke vorliegt.

Über deutsche Malerei erfahren wir sehr wenig. Wohl werden flüchtig die
Namen Cornelius, Overbeck, Schwind, Krüger, Menzel, Blecken, Marecs, Feuerbach,
Böcklin erwähnt. Es bleibt aber bei ihrer Erwähnung; ihre Kunst wird nicht cha-
rakterisiert. Es sei ehrenvoller, wenn sich unsere Modernsten jenen anschlössen,
statt den Franzosen. Gründe für diese Behauptung gibt Corinth nicht. Trotzdem
sie nun Franzosen — also keine Deutsche — sind, werden Cezanne und Puvis de
Chavanne bewundert, während das Lob ihrer »Epigonen« Matisse und Picasso nur
beschränkte Geltung habe. Dann führt Corinth eine sehr unerquickliche Polemik
gegen den Futurismus der Italiener (!) Marinetti und Boccioni. Eigentlich wird die
sog. Kunst der Futuristen von Corinth überhaupt nicht berührt. Gerade hierüber
von einem Maler etwas zu hören, wäre anregend gewesen. Statt dessen schreibt
unser Künstler einige Stellen aus der futuristischen Zeitung »Lacerba« aus, die nicht
gerade geeignet sind, uns die Futuristen menschlich näher zu bringen. Im übrigen
hätte uns ein Wort über ihre Bilder mehr interessiert als über ihre Zeitung.

Darauf wird eine »allermodernste deutsche Kunstschau« gehalten, die Corinth
das harte Urteil abzwingt, es herrsche ein »durchaus femininer Zug«, alle Bilder
zeigten ferner »eine fatale Ähnlichkeit untereinander«.

Erklärungen oder überzeugende Beweise für seine Behauptungen gibt Corinth
niemals. Darum stimme ich seinen Anfangsworten durchaus bei: »Dennoch aber
möchte ich immer wiederholen, daß meine Gedanken als rein persönliche An-
schauungen aufgefaßt werden sollen.«

Berlin.

Alfred Werner.

Adelbert Matthaei, Deutsche Baukunst im 19. Jahrhundert. Samm-
lung: Aus Natur und Geisteswelt. 453. Bändchen. 8°. 102 S.
Adelbert Matthaei gibt in großen klaren Linien ein Bild deutscher Baukunst
im 19. Jahrhundert. Er zeigt, wie in der Baukunst um die Wende des 18. und
19. Jahrhunderts im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen die Bauaufgaben, ab-
gesehen von kurzen Übergangsperioden, aus einem einheitlich im Volke herrschen-
den Geschmack gelöst wurden, eine entscheidende Wandlung eintritt. Man beginnt
vor allem über die alten Stile nachzudenken und stellt die Frage, welcher von ihnen
sich wohl am besten eigne, um neuzeitliche Bauaufgaben zu erfüllen. Diese Frage
wird nun sehr verschieden beantwortet. Klassizismus, mittelalterliche Richtung,
Renaissance, Eklektizismus lösen einander ab, um in unserer Zeit in Neuklassi-
zismus und Neubarock zu münden. Das Wesen aller dieser Stile wird meisterhaft
von Matthaei gezeichnet und zugleich der Kulturzusammenhang aufgezeigt, aus dem
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