Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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584 BESPRECHUNGEN.

herauskäme. Mit ein paar Worten lassen sich die scharfsinnig durchdachten und
in ihren Grundlagen fest verzahnten Aufstellungen nicht erledigen. Und es hieße
dem Werk wenig Ehre antun, wollte man schneller Hand Lob und Tadel verteilen.
Erst im Zuge eigener Forschung erschließt sich der Weg, der zur überzeugten An-
erkennung in dem einen Falle führt, und zum Kampf der Meinungen im anderen.
Das wissenschaftliche Weiterleben eines Werkes besteht ja in dem ürade, als es
die Literatur durchtränkt, auf sie abfärbt. Ohne mystische Orakel zu sprechen,
kann man da der Volkeltschen Ästhetik ein sehr intensives und fruchtbares Leben
prophezeien. Denn mag man auch einzelne ihrer Aufstellungen bekämpfen, ja an
ihren Grundlagen zu rütteln versuchen, man wird dies nicht tun, ohne reich ge-
fördert zu sein durch den wertvollen Ertrag des Werkes. Und vielleicht darf ich
mir den Hinweis gestatten, daß ich im ersten Bande meiner »Grundlegung der
allgemeinen Kunstwissenschaft« (Stuttgart 1914) eingehend mich gerade mit diesem
dritten Teile der Volkeltschen Ästhetik beschäftigt habe, und diese Beschäftigung
denke ich auch im zweiten Bande fortzusetzen. Denn wie gesagt: nur in eigener
Arbeit wird man diesem Werke gerecht, nicht aber in einem kurzen mit kritischen
Randglossen garnierten Referat. So will ich diese Anzeige eines Buches schließen,
das eigentlich keiner Anzeige bedarf.

Rostock. Emil Utitz.

Eine schmerzvolle Notwendigkeit zwingt mich, dem einen Nachruf, den dieses
Heft enthält, einen zweiten beizufügen. Er gilt dem langjährigen Mitarbeiter unserer
Zeitschrift, Prof. Richard M. Meyer. Kürzere und längere Aufsätze sowie zahlreiche
Besprechungen, die hier erschienen sind, legen Zeugnis ab für den weiten Umkreis
seiner wissenschaftlichen Betätigung, für die bewundernswerte Fülle seines Wissens,
für die Anregungskraft seines glänzenden und beweglichen Geistes. Die Sonderart
seiner enzyklopädischen, ruhelosen Natur hat gerade dort nicht die volle Würdi-
gung gefunden, wo Meyer selbst sie am meisten ersehnte. So ist der Sonnen-
schein, den häusliches Glück, treue Freundschaft und steigender Ruhm ihm spen-
deten, durch Schatten der Enttäuschung manches Mal verdunkelt worden. Jetzt ist
Richard M. Meyer jeder weiteren Enttäuschung überhoben. Jetzt ist die unge-
hemmte Lebendigkeit seines Geistes erstarrt. Ihm ist wohl; uns aber, die wir die
eigene Arbeitsweise seiner Forschungsart vielleicht zu schroff entgegengesetzt haben,
uns ist wehe. M. D.
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