Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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II.
Das Häßliche in der Kunst.

Von

Emma von Ritoök.

I. Jede ästhetische Theorie, die als ihr wissenschaftliches Problem
das Schöne in der Natur und Kunst angibt, muß das ästhetisch Häß-
liche als Paradoxon betrachten und es konsequenterweise aus ihrem
Problemkreis ausschließen, ohne Rücksicht darauf, ob sie das Schöne
idealistisch oder formalistisch bestimmt. Nicht weniger begrenzt sind
in dieser Hinsicht die psychologisch-hedonistischen Auffassungen der
Gefühlsästhetiker, die die ästhetisch wertenden Gefühle als Lust be-
zeichnen und vom Genuß des Schönen sprechen.

Trotz der nicht zu leugnenden Inkonsequenz, die nur durch die
unvollendete Problemlösung verdeckt wird, bewährt sich die ästhe-
tische Bedeutung des Häßlichen in der Ästhetik mit der Grundauf-
fassung des Problems, daß das Häßliche entweder Erbfeind des
Schönen, Abfall von der Idee ist, oder daß es bloß als Erregungs-
mittel zu den besonderen Formen des Schönen dient; meistens bleibt
es aber nur relative Notwendigkeit zur Steigerung durch Gegensatz
oder kann als Element in einigen Modifikationen des Schönen (wie
das Komische, Erhabene und besonders bei den neueren Ästhetikern
das Charakteristische) im Dienste der Schönheit stehen. Bei der Lösung
des Problems hilft es auch wenig, wenn man mit Lipps und Croce
annimmt, daß man unter dem Schönen nichts anderes verstehe als
eben das ästhetisch Wertvolle; denn das Problem besteht darin, daß
wir Häßlich und Schön konträr empfinden, daher beides nicht ohne
weiteres in die ästhetische Kategorie des Schönen vereinigen können;
wenn wir aber das Schöne als Ziel der Kunst annehmen, zieht eben
dieser ästhetische Wert des Häßlichen mit der Schwere der Ungelöst-
heit die Theorie hinunter. Diese theoretische Belastung wirkt überall
verwirrend, wo die Geltung des Häßlichen nicht prinzipiell ausge-
schlossen ist, wie bei Schelling.

In erster Reihe muß der Begriff von allen Assoziationen und Ana-
logien abgegrenzt werden, die das Problem dadurch noch mehr ver-
wickelten, daß das Häßliche nicht nur mit dem Bösen identifiziert,
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