Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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Bemerkungen.

Zur Erinnerung an Ernst Meumann.

Mitten in einer Zeit, in der die psychologische Methode die systematische
Ästhetik beherrschte, hat Meumann einer andersgearteten, einer objektiven Me-
thode der Ästhetik das Wort geredet. Das Zentrum, von dem die psychologische
Methode das ästhetische Leben ausstrahlen ließ, war das Gefallen, das Genießen.
Das aber, so meint Meumann, ist eine einseitige Betrachtung. Dieser psychologi-
schen Methode ist das Kunstwerk nichts anderes als ein Mittel zum Genießen, und
das Kunstschaffen nichts anderes als der Weg, solche Mittel des Oenießens bereit
zu stellen. Kunst und Kunstschaffen geraten so in innere Abhängigkeit vom Genuß.
Meumann kehrt die Abhängigkeitsverhältnisse um: Der innere und äußere Vor-
rang in der ästhetischen Welt liege nicht beim Genießen, sondern bei der Kunst.
Zuerst müssen Kunstwerke da sein, dann erst kann es Kunsturteile und Kunst-
genuß geben.« Der objektive Tatbestand der Kunst, nicht der subjektive des Ge-
nießens sei der notwendige Ausgangspunkt der Ästhetik, und so muß die ästheti-
sche Methode in erster Linie eine objektive sein — von Objekten ausgehen, nicht
von psychischen Vorgängen. In erster Linie freilich nur — denn die Aufgaben,
die sich die psychologische Ästhetik in ihren Forschungen gestellt hatte, bleiben
bestehen — nur daß sie aus dem Zentrum des Ästhetischen verdrängt werden urfd
ihren Ehrenplatz abgeben müssen an die Probleme der Kunst und des künstleri-
schen Schaffens.

Eine ganze Generation von Ästhetikern hatte bis dahin die psychologische Me-
thode als die zentrale Methode der ästhetischen Forschung angesehen. Hier jedoch,
wie stets, wenn geistige Wege in kaum diskutierter Selbstverständlichkeit be-
schritten werden, ist solche Richtung des Fortgangs nicht bloß Ausdruck einer
einzigen geistigen Tendenz, sondern mehrere Grundtendenzen arbeiten auf das-
selbe Ziel hin — einander gleichsam bestätigend, weil sie alle zu denselben Ergeb-
nissen hindrängen. So wirkte auf Festigung der psychologischen Methode der
Ästhetik vor allem der Psychologismus hin — die Lehre vom psychologi-
schen Charakter der philosophischen Methode; überall sollte an die Stelle
des Philosophischen das Psychologische treten ■— an die Stelle der philosophi-
schen Logik eine psychologische — an die Stelle philosophischer Ethik
eine psychologische — es hätten gewichtige Gründe sein müssen, wenn man
'» der Ästhetik einer nichtpsychologischen Methode den Vorrang hätte zuerkennen
sollen. Solche Gründe aber schienen nicht zu bestehen. Im Gegenteil — Artung
u."d philosophische Bedeutung des Kunstwerks schienen die Psychologisierung des
Ästhetischen in noch höherem Maße zu verlangen als die des Logischen und des
Ethischen. Jener naturwissenschaftliche Realismus, der alles, was nicht Atome
Ur,d räumlich-zeitliche Bestimmung ist, in die sekundären Qualitäten, und damit in
die Subjektivität, verweist, mußte die Farbigkeit der Malerei wie das Tönen der
Melodie, die Wortbedeutungen der Sprache wie auch die Werte der Schönheit zu
subjektiven Phänomenen stempeln, und damit ihre Erörterung in die Psychologie
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