Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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206 BESPRECHUNGEN.

Rudolf Klein Diepold, Das deutsche Kunstproblem der Gegenwart.
Berlin und Leipzig, B. Behrs Verlag, Friedrich Feddersen. 8". IV und 116 S.
Der Sinn dieser aktuellen Streitschrift ist folgender: los von der Nachahmung
einer minderwertigen, französischen Kunst und zurück zu einer nationalen, boden-
ständigen Kunst! Diese Forderungen werden zum Teil geistreich verfochten und
mit dem ernstlichen Bestreben, den Kampf nicht in Niederungen zu tragen, aber
oft verleitet den Verfasser sein Temperament zu haltlosen Verallgemeinerungen. Er
sagt z. B.: »Der Nazarener Wasmann beklagt in seiner . .. Selbstbiographie den
sittlichen Verfall der Künstler in der nachcornelianischen Zeit . .. welche Worte
würde dieser feine Künstler und ausgezeichnete Mensch finden, sähe er sich unter
die heutige Jugend versetzt.« Ich denke, er wäre von flammender Bewunderung
hingerissen angesichts einer Jugend, die in einem bereits 20 Monate währenden
Kriege Heldentat an Heldentat reiht und unvergleichlichen Opfermut bekundet.
Also welchen Sinn hat diese unberechtigte und unsere Jugend beleidigende Klage?
Oder: »es wäre unserer Generation wohler, wenn sie etwas genauer in Goethe und
der Dichtung seiner Epoche Bescheid wüßte, statt daß man jeden seichten nordischen
Roman verdeutscht, um dann während dem Kriege von den gleichen Literaten ver-
höhnt zu werden, die früher nichts eiliger hatten, als das deutsche Honorar einzu-
streichen.« Gewiß ging unsere Übersetzertätigkeit bisweilen zu weit, und hier
stehen wir tatsächlich vor einem ernsten Problem. Aber dieses wird nicht dadurch
gelöst, daß wir ganz vergessen, wie gerade viele nordische Künstler verständnis-
innig und herzlich unserer Sache sich annahmen; und mit denjenigen, die in den
Chor unserer Gegner einstimmten, wollen wir mit anderen Waffen kämpfen als mit
der unbewiesenen Behauptung, sie hätten nichts eiliger zu tun gehabt, als die
Honorare einzustreichen. Oder hat der Verfasser bündige Beweise? Macht ferner
Klein Diepold nicht jede Verständigung innerhalb der deutschen Kunstparteien fast
unmöglich, wenn er die Moderne für eine »Verpöbelung« erklärt? Schimpfworte
führen hier gewiß nicht weiter. Und geradezu unbegreiflich ist es mir, wie der
Verfasser folgenden Satz schreiben konnte: »Das Schlimme an unserer Zeit ist, daß
sie nicht mehr Natur und darum nicht Kultur ist, vielmehr eine Art zivilisierter
Barbarei.« Wir dulden es nicht, wenn unsere Feinde uns Barbaren schmähen, und
mit noch weit mehr Nachdruck müssen wir den unglaublichen Vorwurf zurück-
weisen , wenn ihn ein Deutscher erhebt. Bemerkt denn Klein Diepold gar nicht,
wie ihn sein Radikalismus bisweilen derartig mit Blindheit schlägt, daß er geradezu
die Geschäfte unserer erbittertsten Widersacher besorgt? Und dabei ist er doch
im Grunde davon überzeugt, daß kein Volk so viele große Künstler hatte, wie
gerade das deutsche. Da sind wir ganz einer Meinung. Und ebenso freudig
stimme ich zu, wenn Klein Diepold erklärt: »der wahre Künstler wird nie mit der
Absicht an sie (die Kunst) herantreten ,national' zu schaffen; er ist national durch
die Echtheit seiner Natur.« In gleicher Weise teile ich völlig seine Sehnsucht nach
einer bodenständigen Kunst und betone nicht minder kräftig die Wichtigkeit der
nationalen Eigenart für die Kunstentwicklung. Ja ich sehe darin gerade ein be-
deutendes Verdienst der jüngsten Bestrebungen in den historischen Kunstdisziplinen,
daß sie die Erforschung des nationalen Faktors im Kunstleben in Angriff nahmen.
Allerdings ist die Sache lange nicht so einfach, wie der Verfasser sie sich denkt.
Wenn etwa Klein Diepold sagt: »Die Franzosen haben im 19. Jahrhundert einen
starken Künstler hervorgebracht: es ist Ingres!« so ist es schon bedenklich, derartig
dogmatische Kunsturteile zu fällen. Das Ergebnis aber: »die besten Bilder von
Ingres sind so gut, daß sie von einem Deutschen herrühren könnten« beweist deutlich,
daß der Verfasser einen ganz bestimmten Begriff von »Deutschtum« — der meiner
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