Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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XI.

Die Idee des Zufalls in der Geschichte der

Komödie.

Von
Albert Görland.

Den folgenden Gedanken gebe ich eine Überschrift, deren Wort-
laut schon äußerlich eine enge Beziehung zu meiner früheren Arbeit:
»Die Idee des Schicksals in der Geschichte der Tragödie«
herstellt. Dieser Gleichklang soll die grundsätzliche Zusammen-
gehörigkeit beider Kunstgebiete zum scharfen Ausdrucke bringen.

Innerhalb beider, der Tragödie sowohl wie der Komödie, steht ein-
heitlich der eine Mensch mit seinem Willen und den Handlungen
gemäß diesem Willen. Der Wille und sein Gesetz kann im Grunde
kein anderes sein, mag es sich um den Menschen in der Tragödie
oder um ihn in der Komödie handeln. Die Muse des Lustspiels
ist wohl die leichte Muse genannt worden. Nie jedoch darf sie so
genannt werden, weil sie es mit dem Willen und seinem sittlichen
Ernst leicht nähme, sondern einzig deshalb, weil sie unser Herz am
Ende frei und leicht macht von den Sorgen, die uns anfänglich be-
lasteten.

Denn kein Lustspiel beginnt als leichtes, als leichtsinniges Spiel
mit dem Leben, sondern unter drohenden Wolken am Horizonte.
Wie sollte anders auch das zuschauende Gemüt erleichtert und zur
Fröhlichkeit befreit werden. Alles würdige Werk des Menschen be-
ginnt mit Sorgen, alles Handeln auf Erden ist ein Kämpfen. Diese
Einsicht steht einheitlich am Beginn der Tragödie wie am Beginn der
Komödie. Erst diese einheitliche Einsicht erzeugt die Einheit der
Kunst des Dramas, der dramatischen Kunst.

Wenn es nun gelungen sein sollte, in jener Arbeit über »die Idee
des Schicksals in der Geschichte der Tragödie« diejenige künstlerische
Idee herauszufinden, die den Geist der Tragödie in aller ihrer Ge-
schichte grundsätzlich bestimmt, so muß es möglich sein, in ge-
nauestem gedanklichen Zusammenhange von der Tragödie her nun
auch die Idee zu erfassen, die aus dem Innersten heraus die Komödie
gestaltet.
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