Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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Bemerkungen.

Bemerkungen zu Feuerbachs „Konzert".

Von

Adolphe Bernays.

Mit Tafel IV').

Das »Konzert«, Feuerbachs letztes Bild, nimmt unter dessen Schöpfungen in-
sofern eine Sonderstellung ein, als hier einmal der rein malerische Gehalt den Wert
des Bildes erschöpft, während bei den früheren Werken das »erzählende« Moment
eine bedeutende Rolle spielte. Nicht nur, daß uns im »Konzert« jede klassische
Reminiszenz erspart bleibt; die Darstellung der Situation selbst ist so unwahrschein-
lich und voller Mängel, daß wir annehmen müssen, sie sei Feuerbach nicht als
wesentlich erschienen. Das wäre ja nun an sich kein Vorzug; die Bedeutung des
Bildes zeigt sich aber darin, daß der tief eindringliche malerische Gehalt den Be-
schauer zunächst diese Mängel gar nicht wahrnehmen läßt; und selbst wenn man
alle Verfehlungen eingesehen hat, wird die Wertschätzung des Bildes so wenig
nachlassen wie seine Anziehungskraft. — Daher erscheint es mir mit meiner Ehr-
furcht für dies Werk wohl vereinbar, wenn ich smich im folgenden zunächst mit
dessen Mängeln beschäftige; die Werte werden uns dann nur um so klarer werden.

Das Bild zeigt ein tempelartiges Marmorgebäude von geringer Höhe und Aus-
dehnung, mit Bogenöffnungen nach drei Seiten (die vierte Wand ist nicht sichtbar).
Dem Torbogen vorn im Bild entschreiten vier musizierende Frauen. Der Raum
unter der hinteren und der seitlichen Bogenöffnung — letzterer durch Verkürzung
eine fast strichförmige Vertikale — ist vergoldet. Wenn damit auch klar und deut-
lich gesagt wird, daß es sich nicht um die Darstellung einer Wirklichkeit handelt,
so bedeutet das doch keinesfalls eine Emanzipierung von den grundlegenden Ge-
setzen der räumlichen Darstellung überhaupt, von den Gesetzen der Perspektive.
Diese ist aber falsch; genauer gesagt, im Vordergrund herrscht eine andere als im
Hintergrund. Der Augenpunkt ist für die musizierenden Frauen völlig normal ge-
wählt, d. h. der Beschauer ist ihnen in gleicher Höhe gegenüberstehend gedacht.
Auch für die vorderen Pilaster mit dem Bogen trifft das zu; die verkürzten Kapitell-
leisten neigen sich auf der beschatteten Innenseite nur unmerklich nach unten. Was
man aber an Architektur im Innern sieht, ist von einem tiefer liegenden Punkt aus
aufgenommen. Kapitell und Bogenansätze, die man — bei gleichem Augenpunkt
wie für den Vordergrund — sehen müßte, liegen viel weiter unten versteckt; so
bekommt der ganze Raum etwas Unklares und Haltloses. Daß man so viel von
der Decke sieht, wäre an sich wohl möglich, wenn man sich nämlich den Raum
lang genug denkt; dann müßte aber der hintere Bogen und Wandraum erheblich

') Die Abbildung soll nur als Hinweis auf das Gemälde dienen, und auch das
nur in formaler Beziehung; die Tonwerte sind durch die Wiedergabe natürlich stark
verschoben.
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