Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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Besprechungen.

Heinrich Levy, Über die apriorischen Elemente der Erkenntnis. Erster
Teil: Die Stufen der reinen Anschauung. Erkenntnistheoretische Unter-
suchungen über den Raum und die geometrischen Gestalten. Leipzig, Felix
Meiner, 1014. IX u. 203 S.
Es ist ein außerordentlich dankenswertes Unternehmen, wenn die philosophische
Untersuchung auf den zumeist etwas stiefmütterlich behandelten Teil der apriori-
schen Formen gelenkt wird, der mit der Bezeichnung reine Anschauung, Raum,
geometrische Formen usw. getroffen werden kann. Dr. H. Levy hat sich in seiner
Doktordissertation mit Kants Lehre vom Schematismus beschäftigt, die, zusammen
jnit dem Begriff der produktiven Einbildungskraft, sozusagen eine Art dunkle Ecke
'n dem Kantischen Gebäude bildet, in die sich, aus merkwürdigem Widerwillen,
nuf hin und wieder ein Denker wagt; diese Begriffe haben ihre Übersetzung in
d'e moderne Erkenntnistheorie noch keineswegs erfahren. Wir können also von
'hm eine wohlfundierte und vertiefte Betrachtung dieses hochinteressanten Problem-
komplexes der reinen Anschauung erwarten. Der Untertitel: »Stufen der reinen
Anschauung« weckt die höchsten Erwartungen in Bezug auf eine systematische Be-
handlung und autonome Begründung dieser Formen. Obwohl nun. aber das Niveau
der Untersuchung durchaus den Ansprüchen gerecht wird, die an eine erkenntnis-
theoretische Erörterung auch dieser Fragen zu stellen sind und ein bemerkenswerter
Scharfsinn durchweg sich geltend macht, ja einige Klärungen als durchaus glück-
lich und wesentlich zu betrachten sind, so ist doch das Resultat (so weit es in
diesem 1. Teil vorliegt) nicht den Veranstaltungen entsprechend. Denn erst im vor-
}etzten Kapitel entdeckt der Leser zur größten Verwunderung, daß der Begriff, der
"n Titel und im Verlauf der Untersuchung vorausgesetzt wird, der der reinen An-
schauung, insofern plötzlich völlig problematisch wird, als erst noch zu erörtern
8'lt, ob es überhaupt eine reine Anschauung geben kann — d. h. ob etwas, was
Anschauung ist, auch rein sein kann, — und im Grunde wird diese Frage negativ
entschieden, und zwar deutlich aus einer Auffassung des Begriffes »Anschauung«
neraus, die man da nicht erwarten sollte, wo von Kantischem Boden im wesent-
'chen ausgegangen wird, nämlich eine Auffassung von Anschauung bloß im einpi-
nselten, allgemeiner: im inhaltlichen Sinn. So wird der scheinbar bis dahin zuge-
standene Begriff der reinen Anschauung zögernd wieder zurückgezogen, und zwar
aus einem Bedenken, das die einfache Überlegung zerstreuen sollte, daß das, was
als Form der Anschauungsinhalte auftritt, keineswegs die Art der Anschaulichkeit
aufweisen kann, die es dem Inhalt gerade erst verleiht; daß also eine Anschauungs-
'°rm oder reine Anschauung nicht deshalb schon des Namens Anschauung ver-
s"g gehen darf, weil sie natürlich nicht die Kriterien der inhaltlichen Anschauung
aufweisen kann, und daß sie umgekehrt nicht des Prädikats »rein« verlustig gehen
kann, weil man fälschlich einfach den Charakter des von ihr konstituierten Inhaltes
*uf sie überträgt. Damit gibt also der Autor nun zu, daß er den Begriff einer reinen
Anschauung überhaupt nicht anerkennen kann und somit auch der üblichen, unheil-
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