Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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338 BESPRECHUNGEN.

bedeutung — wie denn diese Vermischung bei der Zwitterauffassung bestimmter
Theorien innerhalb der sogenannten phänomenologischen Theorie sich schon geltend
macht, wo die Grenze zwischen Halluzination und Tatsache nicht zu ziehen ist und
vor allem nicht gezogen werden soll, als bloße »Wesensschau«. — Die Ästhetik
muß viel enger an die übrigen erkenntnistheoretischen Resultate herangerückt
werden; der Nutzen für beide Teile ist unermeßlich und gewährleistet eine neue
Fruchtbarkeit für alte Probleme.

Berlin. Lenore Ripke-Kühn.

Leonard Nelson, Die kritische Ethik bei Kant, Schiller und Fries.
VIII u. 195 S. Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht, 1914.
Die Untersuchungen Nelsons bilden den kritischen Teil einer geplanten Ethik.
Der Verfasser, bekanntlich Schulhaupt der Neu-Friesianer, die sich als echte Erben
Kants betrachten, strebt eine Revision der ethischen Prinzipien bei Kant, Schiller
und Fries an; sofern bei ihnen ethische und ästhetische Prinzipien zusammenhängen,
oder nach Meinung des Verfassers Irrtümer auf dem einen Gebiet ihre Folgen im
anderen zeigen, hat auch die Ästhetik ein Interesse an diesen Untersuchungen. Die
Beschäftigung mit den ethischen Behauptungen Nelsons wird wohl in alter Gründ-
lichkeit an anderem Ort erfolgen müssen. Hier sei nur bemerkt, daß zwar schon
oft eine Fortbildung Kantischer ethischer Prinzipien angebahnt worden ist (so vor
allem im Sinne einer Erweiterung respektive Klärung seiner Erhebung der Maxime
zum allgemeinen Gesetz), ebenso auch natürlich von nicht-Kantischem Boden funda-
mentale Angriffe erfolgt sind; daß aber eine Untersuchung, die vom Kantischen,
überhaupt vom kritizistischen Geist auszugehen meint, so von Grund auf im Ver-
ständnis des von Kant Gemeinten fehlgeht und eigentlich alle seine Errungenschaften
annulliert, dürfte doch wohl selten sein. Dabei schickt Nelson eine vorzügliche
kurze Darstellung der Kantischen Gedanken voraus — nur daß er sie keineswegs
im Geiste des Kritizismus interpretiert. So paradox es klingt, ist es gerade ein
extremer Formalismus, der sich, da er selbst einen dogmatisch gegebenen ethi-
schen Inhalt erwartet, andauernd darüber beklagt, daß die Kantische Ethik ihrer
Idee nach eine formal-kritische ist, somit den Inhalt des Sittengesetzes offen läßt, —
also gerade über das, was, in echt protestantischem Geist empfunden, die Größe,
und philosophisch betrachtet, die Unantastbarkeit der Kantischen Untersuchungen
als Analyse der Form alles Ethischen ausmacht. Dagegen wird dogmatisch ein
bestimmter Inhalt von Nelson verlangt, und wird denn auch (im Anschluß an Fries)
im Prinzip der Gleichheit und Gerechtigkeit fixiert, mit ziemlich flacher Begründung;
daß »bei der Behandlung von Personen keine der anderen vorgezogen' werden
dürfe«, sei das »wirkliche Kriterium der Pflicht«. Ebenso ist es ein rein logizisti-
scher Geist, der hier andauernd die Kantische Ethik des Logizismus beschuldigt,
weil er ihn in sie hineininterpretiert, und, wo er Hindernisse findet, eben »Fehler«,
vor allem »Widersprüche« aufzudecken glaubt. So finden wir denn durchweg die
Klage über »Leerheit«, »Unbestimmtheit« und »Widersprüche«. Aber auch das
Grundprinzip der Autonomie wird seiner Bedeutung beraubt. Im Anschluß an die
Kantische Ableitung der Allgemeingültigkeit der Pflicht aus dem Begriff eines ver-
nünftigen Wesens überhaupt, bemerkt Nelson (S. 11) »dieser Satz umschreibt nur
die Allgemeingültigkeit, die schon im Begriffe der Pflicht liegt, liefert aber kein
bestimmtes Kriterium dafür, was in bestimmter Lage für mich Pflicht ist. Denn
wenn ich nur weiß, daß es dasselbe ist, was für andere in gleicher Lage Pflicht
ist, so kann ich, ohne einen Zirkel zu begehen, nie zu einer Entscheidung darüber
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