Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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300 BESPRECHUNGEN.

auf zwei kleine Dekorationsstücke und ein Rokokokapitell. Ich würde statt dessen
eine Innenarchitektur eines der berühmten Rokokoschlösser und ein Bild Watteaus
bevorzugt haben. Befremdend wirkt es auch, daß im 19. Jahrhundert Meister ersten
Ranges wie Feuerbach, ganz besonders aber Leibl kaum erwähnt werden, während
Künstler dritter Ordnung wie Lessing, Knaus und Defregger sämtlich mit Ab-
bildungen vertreten sind. Eine solche Zurücksetzung erster Künstler muß ein geradezu
falsches Bild des 19. Jahrhunderts ergeben. Ich bemerke noch, daß bahnbrechende
Maler und Bildhauer wie Manet, Monet und Rodin nur dem Namen nach aufgeführt
werden, während Magnussen mit einer Büste Lionardos und Corot mit einer Land-
schaft vertreten ist.

Am meisten aber muß es auffallen, daß bei der Schilderung der niederländischen
Malerei des 15. Jahrhunderts lediglich ein Bild des Dirk Bouts gegeben wird, während
man nach dem Genfer Altar, nach Hugo van der Goes und Rogier van der Weyden
vergeblich sucht.

Zwar betont der Herausgeber in der Einleitung ausdrücklich, daß es ihm mehr
um den Text, als um einen möglichst reichen und vollständigen Abbildungsschatz
zu tun sei. Es ist richtig, nicht die Zahl der Abbildungen entscheidet bei einem
Abriß über Güte oder Ungute, aber allerdings die Wahl. Eine gute Auswahl ist
selbst schon Text, ja, ist mehr als Text. Diese aber ist es, die wir bei dem vor-
liegenden Büchlein in einigen wesentlichen Partien vermissen. Die klassisch-antike
Kunst und die italienische Renaissance sind mit zutreffenderen Abbildungen versehen.

Bei der Einteilung der einzelnen Kapitel fällt auf, daß die italienische Renaissance
etwa 40 Seiten, die flämische und niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts da-
gegen nur 11 Seiten umfaßt. So genügen dem Herausgeber zur Schilderung Rem-
brandts zwei schmale Seiten, während Raphael mehr als der fünffache Spielraum einge-
räumt wird.

Der Text des Buches paßt sich besser als die Abbildungen seiner Bestimmung
an. Hier spürt man auch am deutlichsten die bessernde Hand des neuen Heraus-
gebers, der die allzu breite, oft unangenehm anekdotenhafte Art AI. v. Broeckers
abfeilt und durch eine etwas präzisere, auf eigentliche Kunstfragen mehr eingehende
Darstellungsweise ersetzt.

Ein letztes Wort möchte ich noch über den neu hinzugekommenen Literatur-
nachweis sagen. Er umfaßt zwei enggedruckte Seiten und bringt eine ganze Fülle
aller möglichen Werke. Allein auch hier fehlt die sichtende Hand. Werke ersten
Ranges sind oft neben unbedeutenden Büchern genannt, z. B. neben Lipps und
Schmarsow H. Riegel. Ich gestehe, daß ich zunächst geglaubt habe, daß eine Ver-
wechslung mit A. Riegl vorliege. Es fehlen Wölfflins Kunstgeschichtliche Grund-
begriffe. Ebenso vermißt man unter den Einzelmonographien Hamanns Werk über
Rembrandts Radierungen, das beste Rembrandtbuch neben Bodes Rembrandtskizze.
Unter den kunstwissenschaftlichen Zeitschriften fehlt die Zeitschrift für Ästhetik und
allgemeine Kunstwissenschaft. Außerdem wäre dringend zu wünschen, daß die
Titel der betreffenden Werke genauer, nämlich mit Erscheinungsort und -jähr an-
gegeben würden.

Breslau. Elisabeth von Orth.

Oskar WalzeI, Wechselseitige Erhellung der Künste. Ein Beitrag zur
Würdigung kunstgeschichtlicher Begriffe. Philosophische Vorträge, veröffent-
licht von der Kantgesellschaft. Nr. 15. Berlin, Reutherfc Reichard, 1917. 92 S.
Im Gegensatz zu einer Kunstbetrachtung, wie sie mit Meisterschaft Simmel

pflegte: Vordringen zu den innerlichsten Bedingungen, zu den »metaphysischen«
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