Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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316 BESPRECHUNGEN.

und die Korrekturen Freunden überlassen, die nicht Fachmänner im engeren Sinne
waren. Wenn ich auf solche Fehler und Unsicherheiten größeres Gewicht lege, so
geschieht es, weil die Ungleicheit der Transskriptionsmethoden sich in der Sinologie
zu einem wahren Elend ausgewachsen hat und die Benutzung nicht nur wissen-
schaftlicher Werke sehr erschwert. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die ein-
fachen Regeln der japanischen »Gesellschaft für römische Schriftzeichen« (Vokale
geschrieben wie im Italienischen oder Deutschen, Konsonanten wie im Englischen)
in der Japanologie allgemein beachtet würden.

Dann ist der Verfasser bei der Benennung der einzelnen Bildwerke mehr der
Tradition als der Ikonographie gefolgt, welch letztere ja allerdings noch sehr un-
vollkommen bearbeitet ist. Er gibt mehrfach den Klassennamen, wo die Artbestim-
mung für die Physiognomik wertvolle Anhaltspunkte liefern würde. Und gerade
diese ist bei den archaischen Werken oft besonders zart behandelt. Die beiden
Figuren auf T. 158 stellen Kwannon und Seishi dar, die beiden Begleiter Amidas,
die dessen Haupteigenschaften, unendliche Güte, sowie Weisheit und Kraft ver-
körpern. Hier prägt Seishi (rechts) der milden Kwannon gegenüber in Größenmaß,
lebhafterer Bewegung, soweit der kleine Maßstab zuläßt, gut seine männliche Natur
aus. — Die Skulpturen der Tafeln 87 und 91 sind durch Fingerhaltung und kleine
Scheiben über der Stirn als Nikko und Gwakko (»Sonnenglanz« und »Mondglanz«)
gekennzeichnet, die beideii Bodhisattva, die den »irdischen Heiland« Yakushi be-
gleiten. Er erhellt mit ihrem tröstenden Lichte unser trauriges Dasein. Nun ver-
gleiche man die schönen Abbildungen der Tafeln 89 und 93 und wird leichter das
Verständnis des fast mystisch tiefen Ausdruckes erlangen.

Es versteht sich von selbst, daß auch über die Unterbringung einzelner Werke
in den Gruppen verschiedene Meinungen bestehen können. Ihre Diskussion bleibt
wohl besser den Fachblättern überlassen.

Nur wenige Spezialisten wissen, welche Bereicherung aus den Schätzen des
fernen Osten unserem Kunstfühlen erwachsen kann. Ich kenne kein Reproduktions-
werk, das auch dem Laien diesen Reichtum so eindringlich vor Augen führte. Möge
es seine werbende Kraft auf die weitesten Kreise ausüben und der fernöstlichen
Kunst ihren Platz in der allgemeinen Kunstwissenschaft erobern helfen!

Bremen-Horn.

____________ Hermann Smidt.

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Bd. I. Wien und
Leipzig, Wilh. Braumüller, 1918. XVI u. 639 S.

Es genügt nicht, von einem Buche zu sagen, es stehe darin: so ist es und so,
sondern man muß zuerst fragen, in welchem Sinne dieses »es ist so« gemeint sei;
denn es gibt einen vielfachen Sinn — den des psychologischen Aufgezeigtseins, den
des naturwissenschaftlichen Festgestelltseins, den des — nach richtig oder falsch —
Gewertetseins und den des mit logischer Notwendigkeit als Voraussetzung (Kant:
als a priori) Gefordertseins.

Eine solche erkenntnistheoretische Frage nach der Methode der Geschichts-
philosophie hat sich der Verfasser nicht vorgelegt. Seine Seele gehört dem, von
dem nur im ersten Sinne gesprochen werden kann, dem Triebhaften im Handeln,
dem ästhetischen und religiösen Erleben; da gibt's kein richtig oder falsch, da gibt's
nur ein Aufzeigen des Erlebnisses, wie es aus innerem Zwang, aus »schicksalhafter
Notwendigkeit« kam. Groß ist sicher der Faktor des Triebhaften auf dem ganzen
Gebiete der Kultur, aber es wird ein verzerrtes Geschichtsbild, wenn man setzt: eine
Kultur beschreiben heißt das notwendige Schicksal eines großen Triebhaften auf-
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