Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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BESPRECHUNGEN. 317

zeigen. Dies aber ist der Kern des Buches; es verzichtet grundsätzlich auf alles
Werten: auch an Mathematik, an Naturwissenschaft, Ethik, Politik, Philosophie darf
nicht die Frage gestellt werden, ob sie richtig sind oder falsch, wir haben nur zu
versuchen, sie aus der großen Triebgesetzlichkeit ihrer Schöpfer als gerade so not-
wendig zu begreifen. »Eine physikalische Theorie ist ein intellektueller Mythus«
(S. 613). An diesen Abschnitten sieht man mit peinlicher Deutlichkeit, wohin eine
Geschichtsphilosophie führt, die in den Menschen und Völkern nur das Triebhafte
nicht auch das freie Wählen nach Gesichtspunkten des Richtigen als geschichts-
bildendes Element erkennen will. In der Methode hat also Herr Spengler große
Ähnlichkeit mit Hegel, im Ergebnis geht er weit über ihn hinaus: nicht eine
Kultur ist über die Erde gegangen von ihrer Kindheit in Asien bis zum Greisenalter
in Deutschland, sondern eine Reihe solcher ist sich gefolgt, die ägyptische, indische,
antike, arabisch-byzantinische, abendländische, in deren Greisenalter wir stehen,
während die nächste, die russische, bereits erwacht zu sein scheint, jede dieser
Kulturen hat einen bestimmten triebhaften, sie tragenden Charakterzug, ihren »Stil« —
die antike das Vordergrundhafte (Apollinische), die arabische das Magische, die
abendländische das Faustische; die Kindheit aller aber unter sich ist weitgehend
vergleichbar, ebenso jede spätere Epoche bis zum Tode, so daß aus der Analogie
zu den bereits abgelaufenen Kulturen die Zukunft der unsrigen, die Art ihres not-
wendigen Hinsterbens in Zivilisation mit Sicherheit vorausbeschrieben werden kann
(S. 516). »Jede Kultur hat ... ihre eigene Art zu sterben ... Deshalb sind
Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus morphologisch gleichwertige Phänomene.«

S. 157: »Jede Kultur hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und ihr
Greisentum. Eine junge, verschüchterte, ahnungsschwere Seele offenbart sich in der
Morgenfrühe der Romanik und Gotik . . . Kindheit spricht ebenso und in ganz ver-
wandten Lauten aus der frühhomerischen Dorik, aus der altchristlichen, d. h. früh-
arabischen Kunst und aus den Werken des mit der 4. Dynastie beginnenden Alten
Reiches in Ägypten ... Je mehr sich eine Kultur der Mittagshöhe ihres Daseins
nähert, desto männlicher, herber, beherrschter, gesättigter wird ihre endlich ge-
sicherte Formensprache . . . Im vollen Bewußtsein der gereiften Gestaltungskraft,
wie sie die Zeitalter des Sesostris, der Peisistratiden, Justinian I, der spanischen
Weltmacht Karl V. zeigen, erscheint jede Einzelheit des Ausdrucks gewählt, streng,
gemessen, von einer wunderbaren Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Hier finden
sich überall Momente von einer leuchtenden Vollkommenheit, Momente, in denen
der Kopf Amenemhets III. (die Hyksossphinx von Tanis), die Wölbung der Hagia
Sophia, die Gemälde Tizians entstanden sind. Noch später, zart, beinahe zerbrech-
lich, von der wehen Süßigkeit der letzten Oktobertage sind die knidische Aphrodite
und die Korenhalle des Erechtheion, die Arabesken an sarazenischen Hufeisenbögen,
der Dresdener Zwinger, Watteau und Mozart. Zuletzt, im Greisentum der an-
brechenden Zivilisation, erlischt das Feuer der Seele . ..«

Berlin-Pankow. Christoph Schwantke.

Deutsche Bühne, Jahrbuch der Frankfurter Städtischen Bühnen. Herausgegeben
von Georg J. Plotke. Erster Band. 1919. Literarische Anstalt Rütten u.
Loening in Frankfurt a. M. 8°. 403 S.
Dieser Sammelband, vortrefflich zusammengestellt von dem leider inzwischen
verstorbenen Plotke, enthält Aufsätze über das Drama, die Bühnenkunst und einige
mit der Oper verknüpfte musikalische Probleme. Zur letzten Gruppe gehören —
abgesehen von einer Übersicht über das Spieljahr 1917/18 des Frankfurter Opern-
hauses — eine Studie Paul Bekkers zur Kritik der modernen Oper, insbesondere
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