Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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BESPRECHUNGEN

Eduard Ruefenacht: Mensch und Kunst. Ihr Wesen und ihre Be-
deutung. Benno Schwabe und Co. Basel 1935.

„Welch ein Unterschied zwischen dem herrischen Ausspruch des Gestalters: wo
ein Wille, da ist auch ein Weg, gegenüber der schlichten Zuversicht des Gläubigen:
der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann. Beide vertrauen. Der Eine in sein Selbst; der Andere
auf Gott."

An solchen erhellenden, zur Selbstbeurteilung und inneren Richtungnahme hin-
führenden Bemerkungen ist das Buch reich. Keine methodische, wissenschaftliche
Arbeit, weder in ihrem moralphilosophischen noch in ihrem ästhetischen Teil — und
insofern kaum zu kritisieren, am wenigsten in einer Zeitschrift wie dieser. Dennoch
verdient sie vielleicht auch an dieser Stelle einen Hinweis, zumal sich unter den
Einzelbetrachtungen über Kunst und Musik mancherlei speziellere Einsichten finden,
die auch in ein systematisches Ganzes eingebaut werden könnten.

Betrachtungen — Selbstbetrachtungen könnte man auch sagen, denn etwas Mono-
logisierendes, fast Eigenbrödlerisches ist darin — Meditationen eines Gebildeten
unserer Tage, der seinen Besitz an Lebenserfahrung und Menschenbegegnung, seine
Aufgeschlossenheit für alle Werte der Kunst, seine umfassende Lektüre, die das natur-
wissenschaftliche, kunst- und religionsgeschichtliche Gebiet ebenso wie die philosophi-
sche und psychologische Besinnung unserer Tage übersieht, am Ende einer inneren
Haltung dienstbar machen möchte, die nicht aktivistisch, auch nicht lebensfeindlich
ist, sondern lebensüberwindend und insofern religiös, d. h. vertrauend
auf den Kern der Welt (ohne dazu irgend welcher theologischer Vorstellungen oder
kirchlicher Einordnungen zu bedürfen).

In den „Richtlinien" gibt der Verfasser seine Meinung über Menschheit und
Menschentum, Sinn und Gesinnung, Schicksal und Schickung, Mensch und Kunst.
Hinter diesen sehr allgemeinen Überschriften finden sich zum Teil ganz ausgezeich-
nete Erkenntnisse und fruchtbare Unterscheidungen.

In den „Zeugnissen" (— die Kapitel Macht und Gestaltung, Leid und Erschütte-
rung, Wandlung und Weihe erscheinen als drei Hauptstufen des inneren Menschen-
weges —) wird das ganze Gebiet der Künste abgeschritten und auf seine
Lebenswerte befragt; denn darauf zuletzt, nicht auf das ästhetische Genießen
als solches, kommt es dem Verfasser bei all seiner Empfänglichkeit an. Die Beziehung
des ersten zu diesem zweiten Teil des Buches erscheint etwas locker und überzeugt
nicht ganz; mancher würde vielleicht gern noch länger mit dem Verfasser bei den
ersten Betrachtungen verweilen und auf das „Kunsterlebnis", so erbaulich es sein
mag, verzichten (auf das tiefere „Warum" kann hier nicht eingegangen werden).
Jedenfalls hätte der Verfasser auf die Bildbeigaben Verzicht leisten können; die
kleinen Photos wirken zu „kunsthistorisch" im Verhältnis zu dem, was der Autor
mit ihnen sagen will und was ihm die Originale geben konnten.

Mannheim. . G. F. Hartlaub.

Leo Balet: Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst,
Literatur und Musik im 18. Jahrhundert, in Arbeitsgemeinschaft
mit Dr. E. Gerhard, Slg. musikwissenschaftl. Abh., begr. von Karl Nef, Leipzig,
Straßburg, Zürich, 1936.

Das unbestreitbare Verdienst dieses umfangreichen Werkes darf darin gesehen
werden, daß es an einem charakteristischen Punkt der geschichtlichen Entwicklung
einen Querschnitt legt, der es erlaubt, für diese besondere Situation einen Gesamt-
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