Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

Page: 76
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1937/0090
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
76

BESPRECHUNGEN

blick ergibt im wesentlichen folgendes: Während der Absolutismus unter der Idee der
unbegrenzten Macht stand und daher in allen geistigen und Lebensäußerungen eine
weit ausgreifende Dynamik des Unendlichen gestaltete, trat in der bürgerlichen Welt
dem eine Neigung zur Begrenzung entgegen. Der Absolutismus stand unter der For-
derung der Repräsentation und er bevorzugte daher den Repräsentativstil in allen
Künsten. Dem setzt die bürgerliche Welt den Gedanken der Natur und des Natür-
lichen entgegen, und der Mensch selbst ohne alle Repräsentativwerte tritt in den
Mittelpunkt. In dem Maße nun, in dem die reine Menschlichkeit selbst gepflegt wird,
ergibt sich mit Notwendigkeit die Auflösung des Nationalen zum Weltbürgertum und
die Auflösung des Gemeinschaftslebens zum Individualismus. Balet zeigt eindring-
lich, daß gerade der übermäßige Kultus der Freundschaft in Wirklichkeit nur ein ge-
steigerter Egoismus und Individualismus ist, bei dem der Freund als solcher nur der
Anlaß ist, um die eigene endlose Gefühlsseligkeit zu entfalten. Das Gefühl gewinnt
überragende Bedeutung, mit ihm ein expressiver Stil. Brief und Tagebuch und in
ihrer Folge der Roman werden vorwiegende literarische Kunstformen. Auch in der
Plastik tritt die menschliche Figur in den Mittelpunkt und selbst in der Musik von
Gluck dominiert durchaus die menschliche Stimmung und das menschliche Gefühl.
Innerhalb'dieser bürgerlichen Welt zeigt sich eine schicksalsvolle Wandlung dadurch,
daß mit dem Zusammenbruch vieler hochgespannter politischer Hoffnungen der ur-
sprünglich ganz realistische bürgerliche Geist sich mutlos oder jedenfalls resignierend
in die romantische Illusion zurückzieht.

Hamburg. Werner Ziegenfuß.

F. Adama van Scheltema: Die Kunst unserer Vorzeit. Leipzig,
Bibliographisches Institut, 1936.

In seinem Buch „Die altnordische Kunst", das 1923 erschien, hatte es Scheltema
mit Erfolg unternommen, die altnordische Ornamentik nach Formbestand und
Formentfaltung durch die ganze Vorzeit hindurch darzustellen, von der Jungsteinzeit
(dem Neolithikum) her über die Bronzezeit bis zum „Völkerwanderungsstil" der schon
nachchristlichen Periode der germanischen Eisenzeit. Es war ein Erfolg der kunst-
wissenschaftlichen Methode: an die Stelle der äußerlich registrierenden Bestandsauf-
nahme und der äußerlich kausalistischen Betrachtungsweise der Form und des Form-
wandels setzte Sch. die heute allein zureichende Begründung aus inneren geistigen
Triebkräften, und eben dadurch gelang es ihm, zum erstenmal die volle Eigenart und
Eigenbürtigkeit der altnordischen Kunst und den einheitlichen Zusammenhang ihres
Aufwachsens darzutun. Die Jahre der Entstehung dieses Buches standen im Zeichen
des Stilbegriffs und der Stilentwicklung — man hatte die Stillehre von Alois Riegl
entdeckt, und Wölfflins „Kunstgeschichtliche Grundbegriffe" regten zur Nachfolge an.
In dieser Neuausrichtung der Methode bedeutete das Buch Sch.'s eine der hervor-
ragendsten Leistungen der kunstwissenschaftlichen Forschung: eine ganze Kunst-
epoche, dazu noch diejenige unserer Vorfahren, die von der zünftigen Kunstgeschichte
als belanglose Primitiverscheinung beiseite geschoben wurde, erstand da in ihrer un-
bezweifelbaren Herrlichkeit und genetischen Gesetzlichkeit vor den Augen der Nach-
fahren.

In dem neuen Buch hat Sch. zu der früheren Darstellung der Ornamentik die-
jenige Ergänzung und Ausweitung gegeben, die noch wünschenswert geblieben war.
Er hat über die Formkonstruktion der Ornamentik hinaus auch die anderen Arten der
bildenden Kunst erörtert, und er hat dann die Gesamtheit der Kunsterscheinungen zu-
geordnet zur geistigen Struktur der vorzeitlichen Nordgermanen, zu den weltanschau-
loading ...