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Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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https://doi.org/10.11588/diglit.14170#0372
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BESPRECHUNGEN

Beispiele er als Literarhistoriker zumeist der Literaturbetrachtung entnimmt. Zu-
gegeben, daß die Stoff-Form-Frage eine besonders schwierige ist, hätte man jedoch
bei ihrer Behandlung an so grundlegender Stelle etwas mehr Behutsamkeit erwarten
sollen. Manches als „Stoffliches" Angesprochene, beispielsweise der Ausgang eines
Romans, ist zweifellos ebensogut als „Form" anzusehen; denn Gesinnung und Welt-
anschauung, die sich im Ausgang eines Romans ausprägen, sind doch keinesfalls
ausschließlich dem „Stoff" zuzurechnen. Ebensowenig vermag ich im „Umfang"
eines Kunstwerks ein rein stoffliches Moment zu sehen; auch er hat zumindest teil-
weise Formwert. Es scheint überhaupt, als ob N., wenn er von „Form" spricht, in
erster Linie „Technik" meint, oder doch als ob ihm ein engerer Begriff von „Form"
vorschwebt, als er in der heutigen Ästhetik sonst üblich ist.

Ebenso anfechtbar aber wie des Verfassers Abgrenzung des Umfangs oder der
Zuständigkeit von „Stoff" und „Form", ebenso anfechtbar ist auch seine Bewertung
von beidem als Ideengehalt und formale Gestaltung. „Der Wert eines Kunstwerkes
bemißt sich nicht nach der Größe des Vorwurfs, sondern allein (!) nach den Be-
dingungen der Gattung und der Erfülltheit der Form im Vergleich zu den bisher
geläufigen Ausdrucksmöglichkeiten. Für den Dichter nun ist dies so auszulegen, daß
der Wert seiner Leistungen nicht so sehr von den Ideen abhängt, denen er in seinem
Werke Ausdruck gibt, als vielmehr davon, ob er in der Begeisterung für sie bei der
Gestaltung zu neuen Kunstformen vorzudringen vermag oder doch die vorhandenen
mit neuem, mächtigem Gehalte erfüllt, sie so über ihre bisherige Tragweite hinaus
steigernd." Auch in der Beurteilung des Kunstwertes sieht, wie diese Sätze zeigen,
N. die Verhältnisse einfacher als sie in Wirklichkeit liegen. Ich habe selbst versucht,
die verschiedenen möglichen Wertungsweisen am Kunstwerk klar voneinander zu
trennen und Umfang und relative Berechtigung einer jeden von ihnen zu erweisen
und habe seit dieser vor zwanzig Jahren entstandenen Untersuchung1) immer mehr
die Überzeugung gewonnen, daß nur auf dem Wege solcher Abgrenzung der ver-
schiedenen Wertungsmöglichkeiten die Fragen der Beurteilung von Kunstwerken
wahrhaft gefördert werden können. N. neigt hier offenbar zu einer Überschätzung
der „Form" für die Wertung des Kunstwerks. Beispielsweise ist eine mögliche
Bewertungsweise des Kunstwerks die Erkenntnis, welche Bedeutung ihm in der Ent-
wicklungsgeschichte seiner Gattung zukommt; keineswegs ist sie aber die einzige,
ja nicht einmal die unzweifelhaft wichtigste. War Überschätzung der „Form" der
Wesenszug eines doch wohl überwundenen l'art-pour-l'art-Standpunktes, der not-
wendig den formal geschickten Schriftsteller über den vielleicht formal ungelenkeren
Dichter, den virtuosen Könner über den mit der „Form" ringenden Künstler stellen
mußte, so kommt jetzt wieder die Überzeugung zu ihrem Recht, daß es doch vor-
nehmlich die Ideen sind, die den Schriftsteller zum Dichter, den Könner zum Künstler
erheben. So kann man dem Verfasser auch nicht zustimmen, wenn er sagt, es seien
„die Ideen ein Dargereichtes, das der Poet in sein Werk hineinarbeitet. Sie stellen
das ihm von außen Gegebene dar, das er zu gestalten hat". Soll hierin nicht ein
sozusagen kunstethisches Versagen des Buches gesehen werden, so zeugen diese
Äußerungen wiederum von einer gewissen Grenzverwischung der Begriffsbildung,
bei der eben nicht vollends klar wird, was unter „Idee", was unter „gestalten" ver-
standen werden soll. Daß uns die begriffliche Klarstellung in den grundlegenden Aus-

J) Gassen, Kurt: Der absolute Wert in der Kunst. Entwurf einer grundwissen-
schaftlichen Klärung des Kunsturteils, entstanden 1916/17, erschienen 1921; alle
wesentlichen Ergebnisse dieser Untersuchung, besonders was die verschiedenen mög-
lichen Kunstwertungsweisen, ihren Geltungsbereich und ihre Berechtigung betrifft,
würde ich auch heute noch unterschreiben.
 
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